.

 

 

 

 

 

 

 

NIN-PAGES

Interviews

Album

Live

Gesamt-Übersicht

Jahr 1991

Frontpage

Oktober 1991

Nine Inch Nails - Biting Their Nails

von Armin Jeff Johnert (EP)

 

Schon dreimal waren sie angekündigt worden, im August klappte es dann endlich: Nine Inch Nails kamen auf Europa-Tour! Sinn und Zweck dieses Sommerlochspektakels waren die beiden Auftritte im Vorprogramm von Guns ‚N’ Roses in Mannheim und London; nebenbei vielen einige Clubauftritte für die wenigen treuen deutschen Fans ab: Das Frankfurter Konzert fand dabei erstaunlicher Weise den größten Zuspruch und das in der (zweiten?) Hauptstadt des Tekkknohouse und obwohl doch „old school“ angeblich tot sein soll… Aber vielleicht ist ja gerade die Tatsache, dass NIN nicht in den so beliebten Trend-Discos läuft, ein gutes Omen und schließlich sind die Engländer nach über drei Jahren Tekkno rave-müde, und im Begriff, den Crossover zu entdecken. (NIN befinden sich bei Redaktionsschluß mit „Head Like A Hole“ in den britischen Top 40). Ob das nun Metal- oder Technofans sind, die sich Gruppen wie NIN, Ministry oder Revco zuwenden, interessiert bestenfalls einige intolerante Puristen oder unwichtige Sektierer, dieser Meinung ist auch „Mister 9 Zoll“ Trent Reznor, der auch sonst um kontroverse Antworten nicht verlegen war und uns nach dem Frankfurter Konzert ein längeres Interview gewährte.

FP: Sind NIN eine Band oder ein Soloprojekt?

Trent Reznor (T): Mehr Letzteres.

FP: Willst du keine Band haben?

T: Ich schreibe die Songs allein und mache fast die ganze Studioarbeit allein, so geht es einfach schneller. Vielleicht spielen einige der Tourmusiker aber auf der nächsten LP.

FP: Wer sind die Tourmusiker?

T: Rich (Guitar), Jeff Ward von Revco und Lard (Drums)  und James Wooley (Keyboards) von Die Warzau. Jeff kenne ich von der letzten Revco-US-Tour, bei der ich Gitarrist war und er Drummer, wir sind gut befreundet. James war mit Die Warzau im Vorprogramm unserer ersten US-Tour.

FP: Wie kam es denn überhaupt zu dem NIN-Projekt, warst du früher in anderen Gruppen?

T: Ich komme aus Cleveland und habe dort in einigen nicht erwähnenswerten Bands Keyboard gespielt. Meistens habe ich ellein’ rumgehangen und war viel in Studios. Nächtelang habe ich an Demos gebastelt. Da ich niemanden fand, mit dem ich zusammenarbeiten konnte, musste ich zwangsläuftig alles selber machen. Die Songs auf „Pretty Hate Machine“ waren die ersten, die ich je geschrieben habe.

FP: Wie gelang es dir, so bekannte Produzenten wie Flood, John Fryer, Keith LeBlanc und Adrian Sherwood für deine Songs zu gewinnen?

T: Als ich endlich ein Label gefunden hatte (Waxtrax und Nettwerk hatten es abgelehnt…) wurde mir schnell klar, dass diese Leute überhaupt keine Ahnung von dem hatten, was ich wollte. Sie hatten sowieso noch nichts von einem Adrian Sherwood und kannten nicht mal Ministry. Früher dachte ich, Musik und das Musikbusiness hätten was mit Kunst oder Kultur zu tun, heute weiß ich, dass es im Musikbusiness ohnehin kaum jemanden gibt, der Musik überhaupt mag, wie sonst könnte solche Scheiße wie Vanilla Ice oder fucking C&C Music Factory überhaupt produziert werden… Jedenfalls sagte ich diesen Leuten „Wenn ihr ein gutes Album wollt, lasst mich um Himmels Willen in Ruhe“. Ich rief Sherwood an und auch die anderen Produzenten und alle mochten meine Demos und wollten etwas mit mir zusammen machen. Ich arbeitete mit Sherwood an „Down In It“ und so ging es Stück für Stück. Die Zusammenarbeit war nicht immer positiv, aber ich habe viel von diesen Leuten gelernt und respektiere sie immer noch für ihre Platten.

FP: Aber nicht unbedingt für das, was sie mit deinen Songs gemacht haben?

T: Genau, mit John Fryer werde ich garantiert nicht mehr zusammenarbeiten, wir haben uns überhaupt nicht verstanden, ebenso mit Adrian Sherwood. Auf seinem Gebiet mag er ein Ass sein, aber als Produzent ist er ungeeignet, zu egozentrisch, er drückt deinen Titeln seinen Stempel auf und ich habe einfach keine Kust, wie Adrian Sherwood zu klingen. Ganz anders Flood, der versucht das Spezielle an den Nummern herauszuarbeiten, lässt NIN klingen wie NIN oder Nitzer Ebb wie Nitzer Ebb. Wir sind inzwischen gute Freunde und er wird auch nach der Produktion der neuen NIN-LP noch einmal ein kritisches Auge auf die Songs werfen. Produzieren kann ich inzwischen selber, aber Flood werden sich einige interessante Bereicherungen einfallen.

FP: Hast du schon was fertig?

T: Ein paar Titel, aber ich brauche noch viel Zeit…

FP: … so sieht es aus: Immerhin ist die erste LP schon über 2 Jahre alt!

T: 1990 darfst du nicht zählen, wir sind das ganze Jahr auf Tour gewesen und da kann ich nichts schreiben. Dieses Jahr gab’s noch mehr Konzerte und schließlich diese anstrengende „Lollapalooza“/Jane’s Addiction Abschiedtour mit insgesamt 20 Gigs.

FP: Wer war außer JA und euch noch dabei?

T: Siouxsie, Living Colour (die mir überhaupt nicht gefallen haben….) Ice T und Butthole Sufers. Für uns lief es sehr gut und es war unsere erste richtig große Stadientour.

FP: Wie erklärst du dir den enormen Erfolg von NIN in den USA?

T: Ich würde gerne sagen, dass es daher kommt, dass „Pretty…“ ein sehr gutes Album ist und dass wir eine unterhaltsame Livegruppe sind, aber es kann ebenso sein, dass es an meinem Haarschnitt liegt oder was auch immer. Andererseits glaube ich, dass wir der Alternative/Industrial-Szene etwas Neues gebracht haben und dass unsere Musik einfach zugänglicher ist, als die von Frontline Assembly oder anderen Skinny Puppy Kopisten.

FP: Lag es nicht auch an der Unterstützung von MTV?

T: Sie haben uns nie im Normalprogramm gespielt, nur ab und an in 120 Minutes und auch diese Sendung ist doch Scheiße, anstatt „alternative“ zu spielen, läuft da weiße Wimpacke wie Elvis Costello und ähnlich belangloses Zeug, die guten Sachen kann man an einer Hand abzählen. Der College- und Alternative Szene allerdings verdanken wir schon einen großen Teil unseres Erfolges…

FP: Zurück zur neuen LP. Hast du eigentlich Angst dem doch recht großen Druck, der auf dir lastet, nicht gerecht werden zu können?

T: Es ist ziemlich schwer für mich, nach all der Tourerei wieder richtig mit der harten Studioarbeit zu beginnen, aber wir haben jetzt ein eigenes Publikum, und wie immer auch die neue Platte klingen mag, sie wird es leichter haben als die ersten, auch wenn sie Unerwartetes bringen wird. Die neue LP wird definitiv nicht so klingen, wie der typische Fan es wohl gern hätte. Seit der ersten Platte habe ich mich ziemlich verändert.

FP: Live klingen die alten Songs schon jetzt recht trashy, ist das die neue Richtung?

T: Die alten Titel spielen wir schon seit über 2 Jahren und wir haben sie schon mehrmals verändert. Ich habe eine Menge über Energie und Aggression gelernt und diese Erfahrungen eingebaut. Es muß so etwas wie ein chaotisches Element geben, etwas, das man nicht voraus berechnen kann, so werden die neuen Songs beschaffen sein…

FP: Meinst du, dass es Bands wie NIN, Revco und Ministry gelingen könnte, eine Verbindung zwischen Metal und Industrial zu schaffen, die die Barrieren zwischen den Lagern Heavy Metal und Industrial niederreißen könnte? Gibt es einen neuen Weg Metal-Techno oder so ähnlich?

T: In den USA versteht man unter Industrial z.B. Front 242 und Skinny Puppy. Ich mag vieles davon, finde aber auch, dass auf diesem Gebiet nichts Neues passiert. Ich möchte dieser Musik etwas hinzufügen, was sie etwas poppiger macht, nicht in dem Sinne, dass es softer und glatter werden soll, wie Kommerzpop-Wimptechno á la Depeche Mode; aber ich mag richtige Refrains und natürlich auch einen harten Gitarrensound, daran stören sich die Synthi-Puristen, tut mir leid für sie, aber so sind wir nun mal…Ich kann mir schon vorstellen, dass manche Metal-Kids das ziemlich cool finden, was wir machen, aber es gibt ebenso eine Riesenanzahl von Hardcore-Arschlöchern, die alles hassen, was irgendwie neu ist, genauso wie im Synthi-Bereich. Mir ist das allerdings scheißegal: Aggression ist Aggression, es kann ebenso AC/DC sein, wir Throbbing Gristle; das eine ist wie das andere, nur anders verpackt: Pure Energy! Wir haben gerade im Vorprogramm von guns N’ Roses in Mannheim eine recht miese Erfahrung mit Metal-Fans gemacht: 65.000 haben uns den Daumen nach unten gezeigt, da war von Toleranz und Offenheit nichts zu spüren. Axl hatte uns zu diesen Gigs überredet, weil er NIN-Fan ist und glaubte, er hätte in Europa als typischer Poser mehr eine Pop-Audience. Die Leute mochten uns nicht, weil wir keine langen Haare haben und nicht aussehen wie „chicks“. Am Schlimmsten waren diese Scheißer von Skid Row: alles was ich jemals an L.A.-Rock’N’Roll Klischees auf MTV gesehen habe, plus einige neue, wurde durch Skid Row noch übertroffen: stundenlang Warmsingen zu George Michael, „Kiss Alive 2“-Hören zum Einstimmen, Football-Schlachtrufe – so wie die möchte ich niemals sein.

FP: Für deine Songs schein es einige recht ungewöhnliche Inspirationsquellen zu geben und live gibt es Coverversionen von Queen und Adam Ant…

T: Das sind Sachen, die ich als Kind gemocht habe und die ich auch heute noch cool oder lustig finde, auch wenn es sehr unhip klingen mag, aber fucking Queen und Kiss waren meine ersten Lieblingsbands.

FP: Macht Du noch was mit Pigface?

T: Nein, es war eine einmalige Sache… am Ende nicht mal mehr ein Spaß!

FP: Wie stehst Du zu den anderen US-Industrialbands, die machen ja alle mehr oder weniger laufend irgendwelche Sachen zusammen, allen voran Al Jourgensen?

T: Al ist einer meiner besten Freunde, aber wir haben keine konkreten Pläne, etwas zusammen zu machen, wie z.B. dass ich wieder mit Revco auf Tour gehe. Auf der letzten 1000 Homo DJs habe ich ursprünglich gesungen, aber mein Label TVT hat diese Version nicht freigegeben, was alle ziemlich geärgert hat und mir gegenüber Al recht peinlich war. Das war bei weitem nicht das einzige Problem mit TVT und deshalb werde ich die neue LP auch nicht mehr bei ihnen herausbringen.

FP: Du unterschreibst also bei einem Major?

T: Ja, aber wir sind momentan noch am Auschecken…

FP: Ich wünsche Dir alles Gute uns spann’ uns bitte mir der neuen Platte nicht allzu lange auf die Folter!

Armin Jeff Johnert (FP)

oben