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Jahr 1994

Kerrang

Mai 1994

Techno-Philistisch

 

Kein Autor angegeben

 

Gewalt! Paranoia! Gram! Willkommen in der NINE INCH NAILS-Welt der Alpträume! Stefan Chirazi taucht tief in das Hirn des Hauptmannes Trent Reznor ein, um die dunkle Wahrheit über das kontroverse neue NIN-Album, "The Downward Spiral", herauszufinden!

 Wir alle wünschen uns, dass Nine Inch Nails' Trent Reznor, der blasse, verwundbare neue Gott des Industrial Hardrock, ein kleiner, verdrehter Psychopath ist. "The Downward Spiral", das neueste NIN-Album, ein Trip in die Tiefen menschlicher Verzweiflung, lässt das Image eines Mannes entstehen, der mit aufgestauten Aggressionen durchs Leben läuft, nur einen kleinen Schritt davon entfernt, in einem Supermarkt auf dem Land Amok zu laufen…

 Viele würden liebend gerne hören, dass Trent Reznor ein verrückter, gewalttätiger Sadist ist,  der in Fesseln fickt und dem Schmerz Spaß macht. Wir fänden es gut, wenn Trent Reznor aus ein bisschen mehr wäre als nur Fleisch und Blut. Bisschen Stahl und Gummi und Leder vielleicht?

 Die Wirklichkeit: Trent ist ein kleiner, dünner, scharfsinniger Mann, der im gleichen Boot sitzt wie wir alle, und der gerade deshalb zu einem einzigartigen Künstler geworden ist. Reznor hat ein eigenwilliges Begehren, das zu erreichen, was er will. Er lässt keine Zweifel offen, dass die, die ihm im Weg stehen, nicht lange in seiner Gesellschaft weilen werden.

 "The Downward Spiral", sagt Reznor, "ist sehr kathartisch - es kommt von mir. Ich war so etwa 13, als ich merkte, dass ich meine Gefühle durch ein Musikinstrument ausdrücken konnte", erinnert er sich. "Ich war ein gelernter Pianist, und ich hatte ständig Ärger, da ich die Stücke anders spielte, als es eigentlich gedacht war. Ich veränderte Tonlagen, spielte herum, und das durfte man nicht tun. Ich war schon immer ein neugieriger Typ. Ich war kein schwachsinniges Kind, nein, ich war eher der Typ, der immer in der Kunstschule war, Musik hörte und rumhing. Ich war ein Einzelgänger, und ich haßte die Schule. Ich habe jetzt keine Freunde mehr aus dieser Zeit. Ich bereue es aber nicht, in so einer Situation aufgewachsen zu sein, denn das hat mich wahrscheinlich vor dem Schicksal bewahrt, ein Heroinsüchtiger oder Selbstmörder zu werden, denn so was gab's damals nicht.

Erwachsen zu werden, war wie 18 Jahre lange in einem Lager zu sein; man hört, dass da draußen eine Welt ist, wo Dinge geschehen, aber du kannst nicht hin, weil du nicht weißt, wo es ist. Irgendwann hab' ich mir dann gesagt, ganz klischee-mäßig, man lebt nur einmal. Ich erlaubte mir nicht, durch Beziehungen, Jobs und Freunde feste Beziehungen einzugehen… Meine Familie wollte das Beste für mich, und ich wollte nicht zur Schule gehen. Ich wollte ein verdammter Rock-Musiker werden! Die Chancen sind da, dass du selbst im Alter von 45 Jahren noch im Bürgerzentrum spielst, aber ich habe immer an mich geglaubt."

 Reznor ist ein destruktiver Konstruktivist, der Spaß daran hat, Dinge abzureißen und sie, passend zu Stimmungen und Gefühlen, wieder auzubauen. Wie kommt ein junger Mann dazu, solch musikalisch extreme Wege einzuschlagen, anstatt einfach eine Les Paul zu ergreifen und Rock'N'Roll-Songs zu klampfen?

"Als ich begann, Gitarre zu spielen, habe ich Rock'N'Roll-Songs gespielt. Ich hatte eine Vorstellung von dem, was ich machen wollte, und ich fühlte mich immer ‚außerhalb' von allem. Als ich mich endlich aufgerafft habe und aufgehört habe, Zeit zu verschwenden, war ich 23. Ich musste mich testen, um zu sehen, ob ich wirklich was drauf hatte. Ich hatte vorher noch nie einen Song geschrieben hatte auch jede nur mögliche Ausrede auf Lager, damit das so bleiben konnte. Ich hatte Angst, dass es mies sein würde - und was würde ich dann tun?"

War einfacher Hardrock zu begrenzt für deinen Drang, dich auszudrücken?

 "So habe ich das nicht gesehen. Meine Instrumente sind Computer, Sampler, Drum-Maschinen und Technik. Live allerdings ist es sicher unterhaltsamer, jemanden zuzusehen, der Gitarre spielt! Aber als ich im Alter von 23 Jahren mit Nine Inch Nails begann, arbeitete ich in einem Studio und konnte die ganze Nacht herumzuexperimentieren. David Bowies ‚Low' war wohl der größte Einfluß auf "The Downward Spiral" für mich. Ich mag Bowie seit "Scary Monsters", dann hörte ich "Low" und war sofort total begeistert. Ich bezog mich songschreiberisch, stimmungsmäßig und songstrukturell darauf. Dadurch kam ich dann zu Iggy Pop, Sachen wie "The Idiot", und Lou Reeds "Transformer"-Phase. Ich find an, die alten Velvet Underground zu hören, die ich damals verpasst hatte."

 Aufgenommen wurde "The Downward Spiral" in dem Haus in Los Angeles, in dem Sharon Tate, die Frau des Regisseurs Roman Polanski, von Charles Mansons Anhängern umgebracht wurde. Hat Reznor dieses Haus nur ausgewählt, um sich in eine Atmosphäre von Trauer,, Gewalt von Elend zu versetzen? Die Vibes in diesem Wohnzimmer müssen furchtbar gewesen sein.

 "Das Tate-Haus war einfach nur ein Haus. Man hat uns nicht erzählt, was das für ein Haus war, als wir es uns ansahen. Der Grund, weshalb ich mich dafür entschied war, dass es ein cooles, schönes Haus auf einem wunderbaren, grünen Berghang ist, von dem man die ganze Stadt und den Ozean sehen kann. Es ist sehr ruhig und abgeschlossen und auch nur fünf Minuten vom Whiskey (berühmter LA-Club am Sunset Strip) entfernt.

 Sollte es eine Vibe gegeben haben dann war das eine ruhige, vielleicht auch etwas traurige Stimmung. Aber das Schöne an dem Haus, was meiner Meinung nach nichts mit dem dort Geschehenen zu tun hat, war, dass ich es wochenlang nicht verlassen habe. Das Haus war abgeschlossen, umzäunt, und als mir klar wurde, wie sehr ich LA hasse, gab es keinen Grund, das Haus zu verlassen. Das hat vielleicht zur Isolation und Platzangst der Platte beigetragen."

 Wird deine Arbeit immer so dunkel und kathartisch sein?

 "Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Diese Platte war eine unangenehme Erfahrung. Es war so, wie wenn man in einen Gulli klettert und den Deckel selbst über sich zumacht. Wenn ich im Studio bin, bin ich die ganze Zeit drin, mindestens 14 Stunden am Tag. Und ich merkte, dass ich wieder tief graben musste. Wir das immer so bleiben? Ich weiß es nicht."

  

Mega-Metal Mixmaster!

 Trent Reznor diskutiert mit Stefan Chirazi über Metal und die Kunst des Abmischens!

 "Wenn ich Songs remixe, bin ich maßloser. Ich muß nicht so selbstkritisch sein und kann mich austoben, und oftmals kommen die Dinge besser, wenn kein Druck auf mir liegt. Es ist nicht so in der Art: ‚Hier sind zehn Songs für meine Platte'. Deshalb freue ich mich auf die Remixe, wo viel Bullshit mit drauf ist. Ich persönlich denke, es ist ein Fall von ‚try and error'."

 Vielleicht ist Megadeths "Symphony Of Destruction" dein einziger Fehlschlag im Bereich des Remixens?

 "Mir gefällt dieser Mix. Mir macht die Produktion Spaß, denn ich kann alles tun, was ich auch mit meinen eigenen Platten mache, und der Schmerz-Faktor fehlt! Remixen ist anders, denn deine Aufgabe ist es, einen Service zu leisten, und ich muß darüber nachdenken, was die Band von mir erwartet. Ich finde, ich kann Dinge im voraus ahnen. Ich hörte, dass Mustaine den Mix wirklich mochte, aber ich will so was jetzt erst mal nicht mehr tun."

 "Gibt es  irgendwelche Heavy Metal-Acts, mit denen du dich identifizieren kannst?

 "Ich denke, Pantera sind eine großartige Band. Ich habe das neue Album flüchtig gehört, lieh es meinem Gitarristen und bekam es nie wieder! "Vulgar Display Of Power" ist stimmlich umwerfend. Die Wut ist erstaunlich, die Kraft, und der unglaubliche Gitarren-Sound ist ein neuer Referenzpunkt. Was diese Musikrichtung betrifft, habe ich niemanden gehört, der das besser macht."

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