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Jahr 1994

 

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Mai 1994

 

Gedanken eines Einsiedlers

 

Autor: Thomas Weiland

 

 

 

 

Industrial-Rock, dieses zäh und kompromißlos lärmende Musikbiest, ist aus dem Schatten des Untergrunds getreten. Das liegt nicht nur an Ministry. Zum Großteil halfen die NINE INCH NAILS bei der Öffnung mit. Was zunächst niemand erwartete. Das Debütalbum „Pretty Hate Machine“ kam mit seinem schwarz-pink-violett-farbenen Cover kommentarlos in die Läden, und Medien im allgemeinen sowie MTV im speziellen interessierten sich nicht sonderlich dafür. Trotzdem wurde das Werk zum Selbstläufer, weil die Band riesigen Erfolg auf der ersten Lollapalooza-Tour hatte. Eine nachvollziehbare Reaktion, ist es doch gar nicht so schwierig, sich mit NINE INCH NAILS anzufreunden. Als eine der wenigen Bands in diesem Genre streben sie nach differenzierten Ausdrucksmöglichkeiten und setzen Lärm - wenn überhaupt - bewußt ein. Manchmal kann man sogar mitsingen, auch zu den Tracks auf dem neuen, inzwischen dritten Longplayer „The Downward Spiral einem Meisterwerk moderner Rockmusik. Mit kunstvoller Sicherheit stürzt sich Bandchef Trent Reznor in ein mitreißendes Auf und Ab der Klänge. Es ist unmöglich, einzelne Titel heraus- zugreifen - „The Downward Spiral“ ist als geschlossenes Hörspiel angelegt, das nicht zerrissen wer den darf. Zu seiner Entstehung äußerte sich der scheue, aber gerade deshalb interessante Reznor in einem raren Interview.

Auf dem Cover von „Pretty Hate Machine“ stand, daß NINE INCH NAILS gleich Trent Reznor seien. Ist das heute immer noch so?

„Im Augenblick ja. Auf der ersten Platte machte ich alles selbst, weil es in meiner damaligen Heimatstadt Ohio, nur Industrie, nicht aber geeignete Mitmusiker für mich gab. Ich traf auf keine Szene, aus der Leute zu rekrutieren waren. Mit der Zeit wuchs die Herausforderung, mich an Instrumenten zu versuchen, die eigentlich für andere reserviert waren. Als ich „Broken“ aufnahm, stellte sich heraus, daß die Band, mit der ich zuvor tourte, am Songschreibeprozeß nicht zu beteiligen war. Also arbeitete ich wieder allein. Für „The Downward Spiral“ hingegen wollte ich schon Leute hinzunehmen, weil ich Hilfe brauchte und müde war, alles auf eigene Faust durchzuziehen, also neben dem Schreiben der Songs auch die Aufnahmen und Arrangements allein zu gestalten. Doch ich ließ mich alles neu überdenken. Mir dämmerte, es wieder alleine machen zu müssen, weil sich eine echte Banddemokratie nicht so einfach aus dem Hut zaubern läßt. Erst jetzt habe ich eine neue Band beisammen, die zu mehr in der Lage sein wird. Aber das muß sich noch herausstellen.“

Alle drei NIN-Alben klingen verschieden. Gibt es Gründe dafür und würdest Du zustimmen, daß „The Downward Spiral“ ob seiner Geschlossenheit wie ein Konzeptalbum wirkt?

„In der Regel gehe ich mit den Ideen ins Studie und lasse sie erst dort nach reiflicher Überlegung zu richtiger Musik werden. Im Falle von „The Downward Spiral“ verhält es sich anders. Das Album ist inspiriert von Rock-Werken, durch die sich ein roter Faden zieht, und die wie ein ganzes Stück, anstatt wie eine Aneinanderreihung von Songs klingen. So etwas gezielt zu versuchen, war für mich etwas neues. Manche meinten, „Pretty Hate Machine“ hätte diese Qualität gehabt. Wenn dem so sein sollte, ist es blanker Zufall. Erst „Downward Spiral“ war von vorneherein als Noise Oper geplant.“

Gibt es auch ein textliches Konzept?

 „Auf jeden Fall. Ich erzähle die Geschichte eines Menschen, der den Kentakt zur Umwelt systematisch aufgibt. Er verliert das Vertrauen in die Karriere, verstößt andere Menschen, mißbilligt Gott und sogar sein eigenes Ich. Er braucht diese Anspannung, um herauszufinden, wer er wirklich ist. Während des gesamten Prozesses macht er aber auch Erfahrungen mit Sex, Drogen und Selbstzerstörung, um den Schmerz zu töten, der durch die Isolierungssituation aufbricht. OK..., weil die Story aus meinem Kopf stammt, bin diese Person zum gewissen Teil ich selbst.“

Wo führt denn die Spirale hin, die sich da so bedrohlich nach unten neigt?

„Zuerst spielte ich mit Selbstmordphantasien herum. Aber das hätte ein zu berechenbares Ende ergeben. Mir fiel auf, daß ich während der ganzen Zeit zuvor keinen Platz für etwas Optimismus ließ; für ein Gefühl, eigentlich gar nicht so fertig zu sein, wie es den Anschein hat. Manchmal empfindet man Reue und Verletzbarkeit, worum es im Abschlußtrack „Hurt‘ dann auch tatsächlich geht.“

Wie würdest Du denn Deine Entwicklung mit NINE INCH NAILS über die Jahre hinweg beschreiben?

„Jede Platte, die ich bisher gemacht habe, reflektiert einen bestimmten Punkt in meinem Leben. „Pretty Hate Machine“ war von der Naivität geprägt, die man als unerfahrener Musiker zwangsläufig hat. „Broken“ ist die Reaktion auf Probleme mit der Plattenfirma TVT. Die wollten mich über den gesamten Erdball schicken, um die Band zu promoten. Das aber ist nicht mein Ding. Also schreie ich die Firma mit heftigem Lärm indirekt an und sage: Ich scheiß‘ auf euch! Ich weiß, es klingt irgendwie banal, aber solche Businessgeschichten können einen zur Weißglut treiben. Bei mir war es jedenfalls so. Das neue Album reflektiert das beruhigende Gefühl, daß der ganze Trouble vorbei ist."

Wie man hört, hast Du eine eigene Plattenfirma gegründet.

„Richtig. Sie heißt Nothing und hat keinen programmatischen Anspruch. Zuerst einmal wirst du garantiert keine Kopien der NINE INCH NAILS zu hören kriegen. Ein weiteres Prinzip ist, daß ich mich nicht als megawichtiger Plattenboß aufspielen will. Im Gegenteil, ich bleibe im Hintergrund. Aufgenommen werden natürlich Bands nach meinem Geschmack. Die erhalten dafür mein Versprechen, fair behandelt zu werden. Wenn sie keine Lust mehr haben oder nicht mehr zu den lockeren Bedingungen stehen, können sie anstandslos gehen. Es wird keine Verträge geben.“

Diese Regeln sind also eine Reaktion auf eigene Erfahrungen?

„Ganz genau. Das Label bietet Nischen für Leute, denen Ideale wichtig sind und ermöglicht grundlegende Arbeitsbedingungen. Nimm etwa Coil. Ich liebe sie, denn sie machen die besten Videos der Welt. Leider haben sie nur wenig Geld dafür. Nothing erlaubt es ihnen, Alben in den USA zum günstigen Preis zu veröffentlichen, auf Tournee zu gehen und Anzeigen zu schalten. Daneben erscheinen z.B. die Sachen von Pop Will Eat Itself, eine Band, um die sich bei uns niemand richtig kümmerte. Und es wird Material von einer politisch etwas inkorrekten Band namens Marilyn Manson geben. Deren Musik basiert auf einer Menge Keyboards und einem Zeitlupenrhythmus im Stile der frühen Swans oder Godflesh.“

Mir wurde im Vorfeld davon abgeraten, Dir bestimmte Fragen zu stellen. Trotz alledem: Stimmt es, daß Du das Haus gekauft hast, in dem Sharon Tate ermordet wurde?

 „In diesem Punkt gab es viele Mißverständnisse und Falschmeldungen, also werde ich das einmal klarstellen. Vor anderthalb Jahren begann ich, ein Haus zu suchen, in dem man proben und aufnehmen kann, ohne daß gleich die Nachbarn anklopfen. In New Orleans, wo ich damals wohnte, fand sich kein passendes Objekt. Durch Freunde wurde ich animiert, es in L.A. zu versuchen, schon der Nähe zu den Technikern wegen. Dort bot man mir zehn bis zwölf Häuser an. Eines davon war das Tate-Haus, was ich zuerst gar nicht wußte. Es erfüllte meine Grundbedingungen, ist zu dem nicht klobig gebaut und gestattet einen wunderbaren Blick auf die weite Stadt. In der Nacht vor dem Kaufvertrag wunderte sich ein Bekannter über die Adresse. Er holte ein Buch über den Mordfall mit allen möglichen Hausskizzen hervor. Das war kein Problem, gehört der Fall in Amerika eigentlich zum Allgemeinwissen für jeden Haushalt. Jedenfalls lief mir ein Schauer über den Rücken, als ich merkte, worum es sich bei dem Haus wirklich handelt. Die Verkäufer bestätigten diesen Umstand tags darauf und nahmen die Information mit in den Kontrakt auf. Ich habe trotz alle dem zugegriffen, weil ich der Suche nach einem Platz überdrüssig war und dieses eine Haus einfach perfekt schien. Ich würde heute wieder so entscheiden, obwohl es immer wieder verwirrte Touristen gibt, die Charles Manson für eine Kultfigur halten und nun bei mir anklopfen.“

Überrascht Dich der große NINE INCH NAILS-Erfolg in den USA eigentlich?

„Das ist schon eine seltsame Sache. Es ist wohl die Industrial-Band, auf die sich auch Industrial-Gegner einigen können. Mich beruhigt es ungemein, Anerkennung für die Mühen zu Erhalten. Und es sind Mühen. Ein Jahr lang tüftelte ich in meinem Haus an dem Album, schottete mich dabei radikal von der Außenwelt ab. In dieser Zeit habe ich noch nicht einmal jemanden angerufen. Ich merke, wie die Zeit im Flug vergeht und weiß eigentlich gar nicht, warum. Trotz dem: Ich werde erst einmal weiter machen und die Möglichkeiten, die sich der Band bieten, ausschöpfen. Irgendwann aber wird der Punkt kommen, wo ich endlich mal wieder eine richtige Beziehung führen will. Und dann ist Schluß.“

Thomas Weiland

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