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Jahr 1999

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Februar 1999

Das Phantom

 

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Godfather of Industrial Rock: Trent Reznor ist Mozart, die Nine Inch Nails spielen seine Partituren.

September 1998

Während der amerikanischen MTV-Video-Music-Awards läuft der Werbespot einer Band. „Try to save myself, but myself keeps sleeping‘, singt dort eine zerbrechliche Männerstimme über einem unheimlichen Cello, unterbrochen von irgendwie krankem Sequenzerpiepen. Nach etwa 40 Sekunden ist der Spot vorüber, auf dem Bildschirm kann man „ninetynine“ und kurz darauf „nothing“ lesen. Kenner der Band wissen in diesem Moment, daß dieser Werbespot ein musikalisches Jahrhundertereignis ankündigt, der Rest ist verstört und fragt sich: Wer war das?

Es waren die Nine Inch Nails, deren Kopf Trent Reznor seit nunmehr zwei Jahren in seinem sagenumwobenen Haus an einem Werk arbeitet, das vermutlich „The Fragile“ heißen und möglicherweise im März den Weg in die Plattenläden finden wird. Die Plattenfirma (lsland/Mercury) hält sich äußerst bedeckt, wahrscheinlich weiß sie, daß Reznor in den Staaten als eine Art Phantom gilt. Taucht er mal in New York auf, wie erst kürzlich beim Konzert vom Meat Beat Manifesto, ist das bereits eine Meldung im „Rolling Stone“ wert. Keine Frage, der Mann ist ein Star. Ob er ein Popstar ist, kann man nicht feststellen, denn es ist unmöglich zu sagen, ob sein Verhalten und seine Aussagen nur Fake oder doch düstere Wirklichkeit sind. Ja, man kann noch nicht einmal sagen, ob er Popmusik macht.

Trent Reznor ist kein Star zum Liebhaben, zu schwierig, um verstanden zu werden. Er kommt aus einem Kaff in Pennsylvania, hat Angst vor anderen Menschen. Seine Musik macht er ohne Band, nur einige Vertraute haben die Ehre, sie live zu zelebrieren. Reznor ist Mozart, und die Nine Inch Nails sind das Orchester, das seine Partituren spielt. Texte und Videos zu den Nine Inch-Nails-Songs sind der eingebaute Popschutz des Herrn Reznor, denn die Gewalt- und Horrorszenarien, die sich dort abspielen — möglicherweise ein Indiz für seine postpubertären Amokphantasien — machten sie bisher praktisch airplay-untauglich. Wollte MTV ein Video der musikalischen Neurose Nine Inch Nails spielen, mußten Texte wie „I wanna fuck you like an animal“ in Kauf genommen werden.

April 1997

Das Time Magazine wählte Mr. Reznor zu den 25 einflußreichsten Amerikanern, in guter Gesellschaft von Madeleine Albright und Colin Powell. Das in den Staaten sehr angesagte „Spin“ zählt ihn neben Babyface und Billy Corgan zu den lebendigsten Musikern der Gegenwart. Er hat den in Amerika äußerst erfolgreichen Industrial Rock geprägt, und fast alle Bands dieses Genres berufen sich auf Nine Inch Nails. Eine Formation, die im Grunde nur aus Reznor und performenden Handlangern besteht, mit der er einen Grammy eingeheimst hat und als Remixer und Produzent unzählige Stars und solche, die es durch ihn wurden, mit beeinflußte.

Wenn so ein Mann zwei Jahre lang an einem Album arbeitet, dann entsteht natürlich eine gewisse Erwartungshaltung an dieses Werk. Die Plattenfirmen erwarten einen neuen Trend, der durch „The Fragile“ ausgelöst werden könnte, sie nennen ihn Allstyle, die Verbindung aller gängigen Musiksparten, und beziehen sich auf die spärlich gesäten Interviews von Reznor. Wohlgemerkt, sie erwarten nicht einen dieser schnelllebigen Hypes, vor denen es den A&Rs graut, sondern eine Art popmusikalische Kulturrevolution, vergleichbar mit Punk oder Techno. Oder wie würdet ihr einen Millionen-Seller, auf dem sich Funk, Techno und Metal gleichberechtigt tummeln, einschätzen „Auf dem Album sind um die 80 Musikstile vertreten. Nicht als Style an sich, sondern mit ihren typischen Elementen, diktierte Reznor dem Magazin „Raygun“. Wenn du es hörst, erinnerst du dich an deine Kindheit, als du nur Melodien gehört hast und dich entschieden hast, welche dir gefällt.‘ Monsieur Nine Inch Nails weiter über die Gäste auf dem neuen Werk.,, Dr. Dre und ich arbeiten an einigen Sachen, Ice Cube wird auf jeden Fall vertreten sein.“ Des weiteren wurden Alanis Morissette (ja, genau die!!!), Produzent Rick Rubin und Helmet Frontman Page Hamilton ins Spiel gebracht, wobei man wohl nicht alles glauben sollte, was der Post-Gruftie von sich gibt. Wichtiger als Namedropping ist ohnehin der Blick auf Reznors Arbeitsweise.

Das ‚Tier“ Reznor

Trent Reznor (34) wurde in Pennsylvania geboren, machte eine Ausbildung als Computer-Engineer und produzierte jahrelang zweitklassige R‘n‘B-Acts, um sich endlich ein eigenes Studio leisten zu können. 1989 formierte er dann eine Band, die all die „weird noises“, die er über die Jahre aufgenommen hatte, performen sollte. Drummer Chris Vrenna, Gitarrist Robin Finck, Tastenmann Charlie Clouser und Basser Danny Lohner bildeten den Körper der Nine Inch Nails, doch der Mann im Vordergrund (und erst recht im Hintergrund) war Trent Reznor. Ersten Anklang fanden NIN auf der 91er-Lollapa!ooza-Tour, und mit „Head like a hole‘ kam ein Jahr später der erste große Hit. Es folgten diverse EPs und zwei Alben. Das letzte („The Downward Spiral“) kam 1994 heraus. Es wurde in dem Haus aufgenommen, in dem die berüchtigte Manson-Family 1969 Sharon Tate umgebracht hat. Danach hat er unter anderem die Soundtracks zu „Natural Born Killers“ und „Lost Highway“ zusammengestellt. Und er hat so ganz nebenbei Marilyn Mansons „Antichrist Superstar“ produziert und auf seinem Label herausgebracht. Zuletzt half er dem Heavy-Metal-Gruftie Rob Halford (Ex-Judas-Priest) auf die Beine, in dem er sein eher durchschnittliches Projekt „Two“ produktionstechnisch adelte. „Trent konsumiert Musik wie ein Tier“, erzählt Halford, „er hört etwa 24 Stunden am Tag Sounds und projiziert sie auf seine Klangphantasie.“ Der Schwermetaller war fast verstört über die Arbeitsweise von Reznor. „Er sitzt eine halbe Stunde an der Gitarre, um Samples einzuspielen, dann geht er fernsehen. Danach feilt er an einem Beat, kurz unterbrochen von einer Runde Nintendo-Spielen, zwischendurch läuft andauernd der CD-Player.“

Wie ein Tier. Für das neue Album hat Reznor erst einmal ein Jahr lang Samples und Geräusche erzeugt, um dann mit dem eigentlichen Songwriting zu beginnen. Die eigentliche Songwriting-Phase fand dann an einem Ort namens Big Sur statt. Die kalifornische Künstlerenklave ist ein wunderschöner Küstenort, wo man keinen Menschen trifft und rund um die Uhr das Meeresrauschen hört. Für Reznor war diese Isolation ein Alptraum, und so gerieten die Fragmente, die er auf seinem Piano zusammenstellte, düster. Kurz danach starb die Frau, die ihn großgezogen hatte — seine Oma —‚ elendiglich vor seinen Augen. Alles Faktoren, die die Entstehung von „The Fragile“ in die Länge zogen. Für ihn zählte ohnehin kein Zeitdruck: „Es wird veröffentlicht, wenn es fertig ist.“ Und fertig — nach Reznors Definition — ist es/war es erst, wenn es den nötigen „Vibe“ hat. Schwer zu sagen, was er damit meint, zumal er inzwischen an die 45 Stücke für das neue Album aufgenommen hat.

„The Fragile“, oder wie auch immer die Doppel-CD heißen wird, dürfte das Meisterstück des „Musiktieres“ Reznor werden.

Reznor International

Remixes, Produktionen, diverse Soundtracks und Computerspielgeräusche, Gastauftritte als Sänger und Schauspieler bei anderen Künstlern - das alles gehört zur Ausnahmeerscheinung Trent Reznor und der Bandbreite seiner Aktivitäten. So ganz nebenbei betreibt er mit großem Erfolg eine Plattenfirma („nothing“) wo „… coole Bands machen können was sie wollen und von mir die schmutzigen Seiten des Business erfahren“, wie such immer das gemeint ist.

Im Grunde ist der „Konzern“ Reznor in allen heute wesentlichen Unterhaltungsmedien vertreten, ohne dabei penetrant zu sein. Allein die Tatsache daß Millionen Spieler von Quake oder „Doom“ seine Musik beim virtuellen Bauern hören, macht ihn zu einem Star. Genauso die Fans der Scoreboards von „Natural Born Killers“ oder „Lost Highway“, die den jeweiligen Film nicht zuletzt wegen der wirkungsvollen Musik so mögen. Reznor ist ein Star und viele die ihn dazu machen kennen ihn gar nicht.

„The Fragile“, so wagen wir zu prognostizieren, macht aus dem „unknown star“ einen echten.

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