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Jahr 1999

Intro

November 1999

Das zerbrechliche Glück

 

von Hoger In't veld

 

Schön ist das nicht. Da windet und suhlt sich ein hinlänglich als dunkel bekannter Geist durch lange Jahre der SelbstzweifeI, schichtet und baut den expressiv-giftigen Sud zu Türmen und Kathedralen, um ob dieses komprimierten Ablasses schließlich ein wenig befreiter zu sein, dem Rest der Welt aber stundenlanges Leid zuzufügen. Was im Falle dieser Veröffentlichung nicht mal besonders übertrieben ist. "The Fragile", das neue Testament der neo-gotischen Studio-Technik, verkaufte in den USA allein in der ersten Woche knapp 300.000 Einheiten.

Wir schreiben und lesen hier nicht also über ein im popkulturellen Sinn vernachlässigbares Nischenprodukt - dieser nicht nur bemerkenswert lange, sondern auch christlich-schuldbeladen- bleischwere Nagel steckt, als Doppel-CD verkleidet, in weitaus mehr Haushalten, als es laut dem vermeintlich allmächtigen Gesetz von "Wie funktionieren die Charts" der Fall sein dürfte. Was auf jeden Fall erst mal als gut zu bewerten ist. Selbst im Vergleich zu ähnlich gearteten metallischen Phänomenen in den (US-) Charts - Pantera, Korn - sind Nine Inch Nails oder zumindest diese Platte ein besonderer Fall. Zum Beispiel in bezug auf das beliebte Spiel "ich hör' die Single nicht". Wie auch, wenn man nach nicht mal "den Song" hört. Was wir hören, ist gepreßte Poesie auf über hundert Minuten auf und ob mäandernder, verschleppter und getriebener Hi-Tech-Übungen in Sound und Struktur. Armaden scharfschneidiger Gitarren. Voodooeskes Trommeln, trockenes Wummern und technoides Bubbern. Gefiltertes Piano. Minimal dissonante Streicher, Fast alle Instrumente und definitiv alle Effekte der Neuzeit. Da steckt Arbeit drin.

 "Ich habe oft Kommentare bezüglich der fünf Jahre seit der letzten Platte bekommen, aber jetzt sagen die Leute: "Oh, die Sounds und Texturen der Platte sind grandios." Oder die Orchestrierung. Das stimmt. Und das dauert. Es sind keine Presets auf dem Keyboard. Es ist kleinteilige Arbeit. Wir haben Cellos verschieden gestimmt, viel mit Rhythmen experimentiert. Wir haben viel Spielzeug hier, und wir benutzen es alles."

 Die Fachblätter jubilieren - endlich mal wieder ein Thema, das populistische Erfolgszahlen mit studiosem Muckertum verbindet. "The Fragile" könnte auch als Demo-CD für den heißesten Scheiß im Soundbearbeitungssektor durchgehen. Aber nicht mikro-fricklig wie bei Richard James oder Funkstörung, sondern flächiger und pathetischer. Schließlich ist Trent Reznor Goth At Heart.

 Es gab eine Zeit, wo es mich sehr stark geprägt hat. "Broken" ist deswegen so häßlich und hart geworden, weil ich was beweisen wollte. Was diese Platte angeht, so begann sie an einem Punkt großer Verzweiflung und Gedanken daran, alles zu beenden.

 Künstlerische Leere?

 Nein, emotionale, menschliche Verzweiflung. Es ging mir einfach beschissen. Und das hing wesentlich mit der langen Tour und der Manson-Platte zusammen. Und der Erkenntnis, daß eine erfolgreiche Veröffentlichung dein Leben nicht plötzlich zum Guten wendet. Im Gegenteil, mir wurde klar, wie sehr die Tatsache, daß auf einmal viele Leute meinen Arsch küssen, meinen Charakter und meine Persönlichkeit verändert. Es war an der Zeit, sich hinzusetzen und in den Spiegel zu gucken. Und sich daran zu erinnern, daß ich das alles mache, weil ich Musik liebe. Es verging also einige Zeit, bis ich überhaupt anfing zu arbeiten, und mir wurde klar, daß es lange dauern würde. Ich dachte dieser Umstand wäre der Sargnagel, was die Nine Inch Nails-Karriere angeht. Was mich auf der anderen Seite befreit hat. Es war mir egal, was die Leute denken und was sie erwarten. Es ist eine ohnehin ausweglose Situation. Wenn es wie die letzte Platte klingt, werden die Leute das bemängeln, wenn es nicht wie NIN klingt, wird das das Problem sein. Also habe ich das Radio und das Fernsehen ausgemacht, das Studio abgeschlossen und mich zwei Jahre nur darum gekümmert, was mir wichtig ist. Dann erst habe ich durch die Verleger- und Geschäftsmann-Brille geguckt und mich gefragt, was das ist. Ich bin mir sicher, daß es nicht wie irgend etwas anderes da draußen ist. Mir ist es bewußt, daß es den Leuten einiges abverlangt, 100 Minuten durchzuhören.

 Beide Kritiken, die ich bislang gelesen habe, haben Vergleiche zu Pink Floyd gezogen und waren sich darin einig, daß die Platte, um die Hälfte gekürzt, wirklich grandios wäre. Warum mußte es so groß sein?

 Die Platte hat sich anders als normal entwickelt. Ich habe mit den komischeren, instrumentalen Sachen angefangen. Das ist es, was uns begeistert und bei der Sache gehalten hat - herauszufinden, was wir, also ich und Alan Moulder, im Studio machen können. Erst zum Schluß haben sich die zugängigeren Songs geformt. Wenn wir dann darangegangen wären, das Fett abzuschneiden, wäre alles Material, an dem uns am meisten liegt, entfernt worden. Wir haben wirklich alle Modelle durchgespielt - Einzel-CD, zwei voneinander getrennte Veröffentlichungen, alles. Aber so, wie es ist, unterstützen sich die Songs am besten. Und wir haben mit 42 Stücken anfangen - ich hatte noch nie zuviel Material. Versteh mich nicht falsch: ich mag die Idee einer Doppel-CD auch nicht, meistens ist es selbstverliebter Mist, wo einfach alles raufkommt. Glaub mir, es war eine lange, schwierige Entscheidung, aber ich bin mir sicher, daß es so gut ist.

 Wurde die Arbeit im Studio zu einer Sucht? Mußte jemand kommen und dich von den Geräten wegzerren?

 Als wir bei 40 Stücken waren, wurde langsam klar, daß jetzt mal der Realismus Einzug halten sollte. Wir konnten uns zu der Zeit von nichts trennen. Aber ich stehe unter keinerlei Druck, und die Leute von "Interscope" wissen, daß sie mir nichts erzählen können. Davon abgesehen ist es niemandem klarer als mir, wie lange es gedauert hat. Kein anderer hat jeden Tag zehn Leute, die ihn fragen, wann die Platte rauskommt. "Hey Trent, wann kommt die Platte raus?" - "Fuck you, ich arbeite dran."

 Zeit ist eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste Dimension dieser Platte. Kein Wunder, wenn sich jemand für zwei Jahre wegschließt, Zeit als gesellschaftliche Komponente damit ausschaltet, dabei aber trotzdem immer und immer wieder mit der Nase drauf gestoßen wird. Vor dem Hintergrund des eigenbrötlerischen Reznor'schen Trotzpotentials hat das den Sud weiter verdickt, sowie die Luft im Studio, wo wenig sozialer Austausch vonstatten ging. Wobei er sich nicht bewußt für Cut & Paste, Schichten und Sequencen entschieden hat.

 Bis zu dieser Platte habe ich Bands immer beneidet. Die Interaktion, die geteilte Verantwortlichkeit, die Kameradschaft. Aber ich habe nie Leute gefunden, mit denen ich zurechtkam oder, besser, die mit mir zurechtkamen und die auf meinem Geschwindigkeitslevel arbeiten konnten. Wenn ich im Studio bin, habe ich fünf Ideen gleichzeitig. Ich höre, wie die Sachen zusammenspielen, und will es sofort genauso haben. Das kann manchmal frustrierend sein, weil es vielleicht nicht genau genug kommunizierbar ist oder die Leute mit anderen Ideen kommen. Es ist einfacher, es selbst zu machen. Und wenn du den Druck und die Angst überwunden hast, kann es wirklich Spaß machen, ein Instrument zu nehmen, das du eigentlich nicht spielen kannst, und einen guten Part damit zu versuchen. Trotzdem habe ich jetzt eine Band zusammengestellt, um alles live spielen zu können. Die Leute sind alle sehr gut, und es macht Spaß, die Songs zu dekonstruieren und sie neu zu erstellen.

 Was würdest du machen, wenn du kein Musiker wärst?

 In dem Tief zu Beginn der Aufnahmen habe ich mich das auch gefragt. Ich habe mir gesagt: "Wenn du das nicht tun willst, Trent, dann laß es und mach was anderes." Wenn ich mir die Frage jetzt, wo ich keinen Druck habe, in absehbarer Zeit einen Job zu brauchen, stelle - was mich wirklich interessiert, ist Computerprogrammierung. Das kann eine echte Kunstform sein. Aber es klingt nicht besonders sexy. Ich bin nur davon angefixt, was in dieser Welt alles möglich ist. Außerdem beendest du etwas, und es ist fertig. Mathematik, das Gegenteil von Songwriting. Es gibt ein erreichbares Ziel. Nicht wie in der Musik. "Ist das die beste Bassline?" - "Vielleicht." - "Könnte sie besser sein?" - "Möglich." Das ist der Feigling in mir, der da spricht. Ich finde es hart, Songs zu schreiben.

 Was ist deiner Meinung nach die perfekte Hörsituation für, diesen Aufwand? Allein mit Kopfhörern?

 Ja, es ist eine gute Kopfhörerplatte. Nimm dir zweimal eine Stunde Zeit, hol dir was Gutes zu trinken.

 Und zelebriere deine Isolation.

 Und nimm dir einen Hammer und schlag dir... nein.

 Apropos: auf den Hunderten von Fansites im Netz wimmelt es von solch morbiden Phantasien und Assoziationen zu deiner Musik. Was ist dein Verhältnis zu diesen Hardcore-Fans? Hast du Angst? Fühlst du dich verantwortlich?

 Nein, ich fühle mich nicht verantwortlich. Ich kann aber vieles davon verstehen, bin durchaus Teil dieser Szene und mit einigen befreundet. Jetzt gerade ist es aber so, daß ich zwei Jahre lang meinen Kontakt zur Welt völlig abgebrochen habe.

 Benennungen deiner Persönlichkeit, die auch hier immer wieder auftauchen, sind Nihilist oder Solipsist. Kannst du damit was anfangen?

 Ich weiß nicht. Ich bin in einer komischen Phase. Möglich, daß es Erleichterung ist, diese Platte fertig zu haben, oder Stolz, weil ich sie wirklich gelungen finde ... Jedenfalls habe ich komische Wellen von Optimismus und positiven Gefühlen. Aber das wird bestimmt wieder vorbeigehen. Keine Angst.

 Hast du gerade gesagt: "Keine Angst, der Optimismus wird schon wieder, verschwinden"?

 Er lacht. Trent Reznor lebt übrigens nicht in Seattle oder noch unwirtlicheren Gegenden der Staaten. Im Gegenteil, der morbide Geist will warmes Feeling und Vibe. Dementsprechend ist seine Wahl auf die voodooeske Aura von New Orleans gefallen, geprobt wird auf den Bahamas. Hören Sie die Musik vor diesem Hintergrund. Wir wünschen gute Unterhaltung.

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