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Jahr 1999

 

Rolling Stone

 

November 1999

 

From the Underworld - die Wiederauferstehung des Trent Reznor

 

Autor: Anthony Bozza

Fotos: Mark Seliger

 

 

Die englische Version könnt ihr hier nachlesen.

Das er seine Zelte in einem ehemalige Beerdigungsinstitut aufschlug, schien nicht gerade auf eine zügige psychische Genesung zu deuten. Doch Reznor, einst von Schwarzkitteln, Doomsday-Propheten und Selbstmordfanatikern als Messias gefeiert, ist wild entschlossen, seine Dämonen endgültig abzuschütteln - und auch mit Nine Inch Nails den musikalischen Orkus zu verlassen.

 Man schrieb das Jahr 1994, als Reznor "The Downward Spiral" veröffentlichte - ein verstörendes Album, das den Abstieg eines Mannes bis an den Rand der Selbstvernichtung nachzeichnete. Es war dasselbe Jahr, in dem sich Kurt Cobain das Leben nahm und O.J. Simpson quer durch LA gejagt wurde. Fünf Jahre her, erst, aber die Lebenserwartung von Poplegenden ist inzwischen ja selten höher als die eines Pantoffeltierchens. Man erinnere sich nur, welche Bands neben Nine Inch Nails bei "Woodstock ´94" auftraten: Deee-Lite. Spin Doctors. Porno For Pyros. Remember? "Damals ereiferten sich alle über das Pepsi-Emblem auf dem Woodstock_Logo", erinnert sich Reznor, "und dass es nur ums Geld gehe. Hat dieses Jahr irgendwer vom Geld geredet?" In den letzten fünf Jahren habe die Rockmusik "einen großen Haufen geschissen". Er ist heilfroh, dass er nicht dabei war. Er hatte sich versteckt, wie eine Zecke auf der Unterseite eines Blattes. Hatte aber immerhin Zeit und Gelegenheit, die Soundtracks zu David Lynchs "Lost Highway" und Oliver Stones "Natural Born Killers" zu produzieren. Und Marilyn Mansons "Antichrist Superstar". Und er stellte "Closure" zusammen, eine Video-Kollektion samt Tourtagebuch. Was alles die NIN-Fans natürlich umso ungeduldiger aufs nächste Album warten lies. Aber Reznor war wie vom Erdboden verschluckt. Der Mann mag nun mal keine halben Sachen. Wenn er verschwindet dann tut er's gründlich.

 Man muss ein paar Stunden Zeit mitbringen, aber dann erzählt einem Reznor gern, was er in der zweiten  Hälfte der 90er alles getrieben hat, in dieser Phase, die er ironisch seine "Sommerferien" nennt. Er hat auf kalifornischen Klippen gehockt und gegrübelt, am Konzertflügel gesessen und vergeblich auf Ideen gewartet. Er hat seine Großmutter verloren (die Frau, die ihn nach der Trennung seiner Eltern großzog), er hat sich mit Marilyn Manson überworfen - einem engen Freund, einem der wenigen Menschen, die Reznor in sein Leben lässt. Er hat in zwei Jahren voller 16-Stunden-Tage ein Album namens "The Fragile" fertiggestellt, das seine früheren Werke in den Schatten stellt. Er hat Drogen und Schnaps durch Protein-Milchshakes und Jet-Skiing ersetzt. Hat sich gefragt, ob er wohl eine Beziehung am Leben erhalten könnte -  und realisiert, dass er gerne eine hätte.

 Viele dieser Veränderungen geschahen in den "Nothing Studios" in New Orleans, dem einstigen Beerdigungsinstitut, das Reznor 1995 gekauft und umgebaut hat - eine Lokalität, die sich beim besten Willen nicht übersehen lässt: Vor dem Eingang lungern ein paar Goth-Girls herum, und in der Bar gegenüber hocke zwei in Lack gekleidete Gestalten und spähen adleräugig nach Lebenszeichen. Aber außer der Steinfassade mit den getönten Scheiben gibt´s hier nichts zu sehen. Eine wohlbewachte Stille geht von dem Gebäude aus, wie vom Tresorraum einer Bank.

 Die Eingangstür hat ihre eigene Geschichte: Durch sie kamen 1969 Charles Mansons Gefolgsleute in das Haus von Sharon Tate, um sie und vier andere abzuschlachten. Reznor mietete das berüchtigte Haus in den Hollywood Hills 1993 und nahm dort "The Downward Spiral" auf. Die Türen nahm er mit, bevor die Eigentümer das Haus abreißen ließen.

 Einer seiner Toningineure, ein stämmiger Kolumbianer, öffnet die Tür. Eine breite Treppe führt in einen Raum im ersten Stock, wo früher vermutlich die Leichen aufgebahrt wurden. Heute stehen hier ein paar Spielautomaten-Klassiker: Robotron, Tempest, Space Invaders. Im Wohnzimmer ein abgesessenes schwarzes Ledersofa, ein großer Fernsehr, eine noch größere Videosammlung ("Twilight Zone"-Folgen, das gesamt Opus von John Walters) und an den Wänden die Zweimeter-Leinwände von Russel Miller, die fürs "Downward-Spiral"-Cover fotografiert wurden. Hinten im Haus eine gemütliche Küche mit einem Foto über dem Ofen, das nach Woodstock ´99 aussieht: ein Typ, der sich in einem mächtigen Schwall erbricht, während seine Freunde amüsiert zusehen.

 Neben der Küche eine mächtige Metalltür - der Eingang zum Regieraum, wo Reznor 90 Prozent von "The Fragile" aufnahm. Innen tonnenweise Equipment - Effektgeräte, Keyboards, Computer, alles penibel und ergonomisch aufgebaut. Reznor sitzt allein im vorderen Büro. Teppich und Wände tiefblau. Vor ihm summt ein Macintosh.

 Seine Haare sind jetzt kurz, die langen Locken vergessen. Nicht das einzige, was sich geändert hat. "Ich hab diese Platte aus diversen Gründen vor mit hergeschoben", erklärt er," manche bewusst, manche unbewusst. Nicht dass ich schon eine endlose Karriere hinter mir gehabt hätte, die mich nun langweilen würde. Aber desillusioniert war ich doch." Er trägt schwarze Jeans und schwarze, mit Isolierband zusammengehaltene Kampfstiefel. Und eines seiner zahllosen schwarzen T-Shirts, deren aufgedrucktes Logo von seinen musikalischen Vorlieben künden: Atari Teenage Riot. Jim Rose Circus Sideshow. Nothing Records.

 Reznor spricht überlegt, leise, klar. Bevor er antwortet, macht er eine Pause, als würde er seine Sätze fertig formulieren, bevor er sie an die Luft lässt. "Als wir zur ´Downward Spiral'-Tour aufbrachen, waren wir eine kleine, unbedeutende Band. Zweieinhalb Jahre später stiegen wir aus dem Bus, und alles hatte sich verändert. Ich hatte Geld, alle krochen mir in den Arsch, und ich hatte Freunde, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte. Ich konnte zusehen, wie ich mich selbst veränderte. Weil ich es durfte. So nach dem Motto:´Was, ich kann dich wie Dreck behandeln und krieg trotzdem alles, was ich will? Klasse!"

 Er bekam alles, was er sich so lange gewünscht hatte: die Mittel, sein Traumstudio zu bauen, den Respekt seiner Kollegen und alle Freiheiten seitens der Plattenfirma. "Was ich nicht hatte", fährt er fort, "war innere Befriedigung." Und wie so oft, wenn etwas "an ihm kaut", wie er's nennt, stürzt er sich in das nächste Projekt. die Produktion von Manson "Antichrist Superstar". "Es war, als wären wir auf Tour geblieben - nur ohne irgendwohin zu fahren. Die Manson-Truppe feiert jeden Tag, da ist immer was los. Und da ich eh schon auf diesem seltsamen Trip war, kam mir der Wahnsinn sehr gelegen."

Als die Platte fertig war, zog der Zirkus weiter, und Reznor blieb zurück. Er lacht: "Die Party ging ohne mich weiter. Da war's an der Zeit, mich wieder mit mir und meiner Arbeit zu beschäftigen." Doch - die Leidenschaft aber war futsch. Deprimiert ging er eine Zeit lang zum Psychiater: "Dann hörte ich wieder auf, weil ich niemanden brauche, der mich zu Dingen überreden will, die nicht gut für mich sind - Medikamente und so was. Immerhin habe erkannte ich durch die ganze Prozedur, dass ich mich selbst nicht mehr mochte und mich ernsthaft mit ein paar Sachen auseinandersetzen musste."

Er verschrieb sich einen Tapetenwechsel und mietete ein Haus im kalifornischen Big Sur, im Gepäck ein paar musikalische Fragmente und jede Menge emotionaler Ballast. "Ich musste mich mal in aller Ruhe hinsetzen, um den Kopf klarzukriegen. Und mir selber ein paar Ohrfeigen verpassen: ´Wenn du dich wirklich umbringen willst, tu's auch! Wenn nicht, dann bring dich gefälligst auf Vordermann.' Ich dachte, Big Sur würde eine schöne Auszeit. Von wegen. Völlig isoliert auf einem Berg, der nächste Supermarkt ´ne Stunde entfernt. Ich wollte nicht ich selber sein. Ich war nicht darauf vorbereitet."

 Das Zerwürfnis mit Marilyn Manson trieb ihn noch tiefer in die Vereinsamung. Manson hatte sich vom engen Freund in einen Erzrivalen verwandelt. "Keine Details. Jedenfalls können Erfolg und Macht einen Menschen ganz schön verändern. Er ist sicher nicht allein schuld, aber er hat mich ein paar mal verletzt, als ich ganz, ganz unten war. Eine beschissene Art, ihn zu verlieren." Reznor steht auf und sieht zur Tür. "Das ist hart. Man betrachtet essenzielle Dinge auf einmal ganz neu: War ich blind? War ich blöd? Aber eigentlich will ich da gar nicht drüber reden… Ich geh mal pinkeln."  Weg ist er. Nicht zum letzten Mal. Wenn unsere Gespräche zu persönlich werden, passiert es leicht, dass Reznor sie höflich beendet und schnell den Raum verlässt.

Trent Reznor ist ein Netzwerk wohlbalancierter Widersprüche. Seine Musik kann terrorisieren wie eine Motorsäge und zwitschern wie eine Nachtigall. Manchmal beides in denselben vier Minuten. Vor "The Fragile" hat er fast ausschließlich mit elektronischen Instrumenten gearbeitet, ihren Chips und Bits dabei aber durchaus  erdige Wärme abgerungen. So sehr seine Musik "Fuck you" brüllt, flüstert sie "Liebt mich". Sie kann simpel klingen, ist aber höchst komplex ineinander verschachtelt. Reznor entfesselt Chaos, ist aber klug genug, es zu zügeln. Nine Inch Nails klingen verzerrt, brutal, industrial, aber es steckt ein Groove darin, den man nicht lernen kann - wie bei Prince oder Sly Stone.

 Seine Texte, sagt er, kommen aus dem Bauch. Was er aus Tagebuch-Einträgen zusammenklaubt, ist sehr persönlich und verrät gleichzeitig nichts über ihn. Mit mikroskopischem Blick seziert er sich selbst und gibt doch unumwunden zu, dass er vor seinen Problemen davonläuft. Vor allem aber ist Reznor ein Getriebener, besessen von einer Vision, die nur er selbst ganz überblickt.

 Und am stärksten ist er mit dem Rücken zur Wand: "Am besten sagt man ihm, dass ein Song nicht funktioniert", verrät Alan Moulder, seines Zeichens Produzent von "Mellon Collie And The Infinite Sadness" der Smashin Pumpkins und nun Co-Producer und Techniker von "The Fragile". "Wenn er das Gefühl hat, etwas besiegt ihn, kämpft er so lang, bis er gewonnen hat." Moulder muss es wissen: Zwei Jahre hat er mit Reznor an dieser Platte gearbeitet und miterlebt, wie aus einem planlosen Sammelsurium instrumentaler Schnipsel eine zweistündige Klangreise wurde.

 Die beiden begannen mit den Fragmenten, die Reznor gesammelt hatte - manche in Big Gur die meisten danach. "Ich wollte mir erlauben alles rauszulassen, was kam - ohne darüber nachzudenken, wohin das führen würde", erklärt Reznor. Jedes Experiment war erlaubt, keine Uhr lief. Reznor, am Klavier klassisch ausgebildet und bewandert im Umgang mit Synthesizern, fühlte sich plötzlich zur Gitarre hingezogen. "Ich bin auf Tasteninstrumenten ziemlich gut, vom Gitarrespielen versteh ich nicht soviel. Das ist eine Limitierung, die mir nun einen emotionalen Zugang zu der Musik ermöglichte: Du schlägst die Saiten mit der Hand, das Instrument kann sich verstimmen, manche Töne scheppern. Es macht die Sache, nun ja, fragiler."

 "Keine Idee wurde sofort verworfen, keine", sagt Moulder. "Das ungeschriebene Gesetz hieß: ´Wir probieren alles aus' Wir konnten einen ganzen Tag damit zubringen Pappkartons und ein Ölfass heranzuschaffen. Dann stellten wir Mikrofone dran und Trent trommelte. Der Marsch-Sound in ´Pilgrimage' - das ist eine Schachtel voller Kleinkram, die wir geschüttelt haben."

 Nach einem Jahr hatte Reznor nichts weiter als einen "abstrakten Klumpen" von Platte. Er hatte ohne roten Faden angefangen -  jetzt brauchte er einen. Sie holten den Produzenten Bob Ezrin, dessen Arbeit an Pink Floyds Monumentalwerk "The Wall" Reznor immer beeindruckt hatte. Er kam für eine Woche nach New Orleans un sortierte das Material so lange hin und her, bis stimmte. In der Tat ist "The Fragile" im Kern eine Reise - eine Odyssee voller (alb)träumerischer Bilder und unerwarteter Wendungen. Sie beginnt im Nebel, endet im Niemandsland - und hinterlässt das Gefühl, dass man viel gesehen, aber kein Ziel erreicht hat…

 Wir sind auf den Bahamas. Der Wind wirbelt durch Reznors Haar und reißt ihm fast das T-Shirt vom Leib. Er sitzt ganz vorn in einem Motorboot, das über die Wellen vor Nassau hüpft. Nach fünf Tagen Proben ist er mitsamt seiner Band auf dem Weg zu einer kleinen Insel für einen freien Tag. Hinten blödeln Keyboarder Charlie Clouser und Gitarrist Robin Finck, lassen den Fahrtwind in ihre Wangen fahren und ihre Gesichter zu Grimassen verzerren. Dies sind nicht mehr dieselben grimmigen Grufties, die vor vier Jahren eine Spur zertrümmerter Keyboards hinter sich ließen. Sie sagen selbst, sie hätten sich verändert - und dass das bitter nötig war. Die Tournee hieß nicht umsonst The Self-Destruct Tour.

 Bevor sie in Nassau mit den Proben begannen, machten sie ein paar Tage Urlaub, schwammen mit den Riffhaien, schnorchelten und brausten mit Jetskis übers Wasser. "Schon jetzt klingt die Musik besser als damals, wenn wir in Topform waren", sagt Reznor zufrieden. "Der neue Drummer, Jerome Dillon, verändert wirklich unseren Sound." Vor zwei Jahren ging Drummer Chris Vrenna im Streit - neben Reznor der Einzige, der von Anfang an dabei war. "Ich war halb erleichtert. Er fehlt mir als Freund, aber musikalisch gesehen hat es uns befreit."

 Nine Inch Nails haben sich in den Compass Point Studios eingemietet - dem Aufnahmekomplex, den Chris Blackwell in den 70ern eigens für Bob Marley baute, weil der keine Arbeitsgenehmigung in den USA bekam. Im holzverkleideten Hauptraum, wo Marley "Survival", Exodus und "Kaya" aufnahm, steht das gesamte Equipment der Band. Ein zweiter Regieraum dient Reznor als Büro, und das angeschlossene Studio wurde zum Fitnessraum umfunktioniert: Reznor hat seine Trimm-Geräte aus New Orleans mitgebracht. Auf einem Tisch stehen Vitaminpillen, Proteinpülverchen und - aha! - eine Flasche "Mega Creative Fuel".

 Als die Musiker sich am Abend vor dem Inseltrip zu einer Probe versammeln, kann man die Chemie zwischen ihnen förmlich spüren. Im Gespräch mag Reznor scheu und vorsichtig sein - sobald er von einem Mikro steht, ist er wie ausgewechselt. Die Band stürzt sich mit Verve auf ältere Songs wie "Suck", "Terrible Lie", "March Of The Pigs" und "Down In It", als täte sie seit Monaten nichts anderes. Wir sind nur drei Leute im Publikum, aber die Musiker stehen unter Strom, spielen mit geschlossenen Augen und hüpfen auf und ab, als wären's 3000.

 Keine Frage: Sie meinen's ernst. Und auch die Tatsache, dass sie einige Tage später bei den "MTV Video Awards" auftreten werden, kann Reznors heiligen Zorn nicht bremsen. "Wenn du jetzt MTV einschaltest", sagt er und verzieht's Gesicht, als sei ihm ein fauler Geruch in die Nase gestiegen, "dann steht da garantiert Kid Rock, sagt allen ungebeten die Meinung oder verlost irgendeinen Stuss mit Sumo-Ringern und verkehrtherum angezogenen Hosen." Reznor war mit Aufnahmen beschäftigt, als Woodstock 1999 stieg, aber er hatte den Fernseher eingeschaltet. "Es war der größte Scheiß, den ich je gesehen hab. Ein Gipfeltreffen von allem, was derzeit schlecht ist. Es sprang mich geradezu an - wie da überhaupt keine Musik irgendeine Bedeutung hatte! Von Rage Against The Machine einmal abgesehen."

 Am nächsten Tag, auf der unbewohnten Insel, springt er als Erster aus dem Boot und erkundet das Eiland, das kaum mehr als ein von Felsen umrahmter Streifen Sand - bevölkert von Krebsen, die über den Strand und die Palmen hochkrabbeln. "Das hier ist der Chef." Reznor zeigt auf ein faustgroßes Muschelhaus. "Heb ihn auf, die beißen nicht", lockt er einen der Toningenieure. Der greift zu. Der Krebs auch. "Hat das etwa wehgetan?" fragt Reznor und grinst scheinheilig.

 Er geht zu einer Steintreppe, die ins Meer führt. Das Wasser unten ist tiefblau und ruhig. Ganz anders als Big Sur. "Da stieg man so eine wacklige Leiter zu einem nicht besonders einladenden Strand hinunter: krachende Brandung, moosige Felsen, komisches Getier. Hat mir Angst gemacht. Und brachte einiges in meinem Leben auf dem Punkt. Zum Beispiel: `Ich sollte das jetzt genießen. Tu ich aber nicht.' Ein sehr spiritueller, reinigender Ort. Aber all meine Antennen empfingen irgendwie nur alles Schlechte." Eine schwierige Zeit, die sich aber gelohnt hat. "Vor mich hin zu träumen und nur dazusitzen, das war wie ein Katalysator. Eine Kraft, die auch in manchen der Texte wieder auftaucht." Und die die Selbstmordgedanken von "The Downward Spiral" wegspülte. "Ich hatte einen kleinen Flirt mit dem Abgrund", sagt Reznor dunkel, "und ich will da nicht mehr hin. Mit Selbstmordgedanken zu spielen, wenn man schreibt ist eine Sache. Aber dann wirklich da zu landen, das ist was anderes. Überhaupt nicht lustig. Gar nicht romantisch."

 Für seinen Nihilismus gilt das Gleiche. "Ich hab immer noch was gegen jede organisierte Religion. Ist für mich immer noch ein Haufen Scheiße. Aber aus dieser Haltung heraus sah ich irgendwann nur noch Chaos: `Ich brauche nichts. Ich brauche niemand. Es gibt keinen Grund für irgendwas.' Inzwischen glaube ich, dass wir alle irgendwohin gehören wollen, dass wir Teil eines Größeren sein wollen."

 Er erzählt von der Arbeit mit anderen Leuten im Studio und vom Kontakt zu Leuten außerhalb der Musik. "Ich hab unendlich viel aufgegeben für das hier. Ich schau mir Freunde von Früher an, die jetzt verheiratet sind und ihre Häuser abbezahlen. Die haben eine Sicherheit und eine Normalität, die sie vielleicht lieber nicht hätten, aber ich denk dann oft: `Scheiße, dieses Leben hat durchaus auch positive Seiten'."

 Oft wünscht er sich die Sorte Leben auch für sich selbst, geht aber davon aus, dass er mit der Phase davor noch nicht fertig ist. "Wenn ich etwas tue, dann steig ich total drauf ein. Ich lass nicht zu, dass mir irgendetwas in die Quere kommt. Ich weiß, was ich erreichen kann, und das sind schon große Dinge. Aber irgendwie sind sie auch schal und seicht. Ich sag ja schon lange, dass ich auch mal ein Kind will." Er wirft gedankenverloren einen Stein ins Wasser. "Aber ich möchte warten, bis ich wirklich bereit bin, viel Zeit in die Familie zu investieren. In diesem Augenblick passt's noch nicht."

 Reznor hat andere Pläne. Er will noch eine Band ins Leben rufen - eine, in der er selbst nicht spielt. "Ich will alles das machen, was ich bei Nine Inch Nails mache, aber nicht singen. Das gefiel mir bei der Marilyn-Manson-Produktion - dass ich an der Musik arbeiten konnte, ohne selbst unter Druck zu stehen."  Er sammelt bereits Tapes. Und sucht nach einer Sängerin. "Es muss genau passen. Ohne Genre-Grenzen, aber soulful. Eben nicht Nine Inch Nails mit einer Frau." Filmmusik interessiert ihn auch nach wie vor. "Klingt vielleicht abgedroschen, aber mir gefällt die Vorstellung, auch mal was tiefer in die Musik einzusteigen - ohne die Limitierungen von Popmusik und Prominenz."

 Hoffentlich bleibt ihm da noch Zeit, neue Freunde zu gewinnen. Er hat nämlich nicht viele. "An Weihnachten bin ich oft ziemlich gefrustet, weil ich nicht in einer Beziehung lebe und nicht weiß, wo ich hin soll." Meistens fährt er nach Hause, nach Mercer/Pennsylvania, eine ländliche Kleinstadt im Lande der Amsih People. Er spielt Klavier, unterhält sich mit seinem Vater über Computer, besucht seine Schwester und den Großvater in jenem Haus, in dem er aufgewachsen ist. "Mercer war für mich immer dieses Scheißkaff, aus dem ich unbedingt weg wollte. Das machte mich ehrgeizig, das zog mich zu Science-fiction, zu Horrorfilmen und Kiss." Inzwischen hat er seine Wurzeln akzeptieren, ja sogar schätzen gelernt. "Ich hab kapiert, dass Mercer etwas Langsames, In-sich-Ruhendes hat, das seinen eigenen Wert hat." Schiefes Lächeln. "Ich glaub trotzdem kaum, dass ich dahin zurückziehen werde." Bleibt nur zu hoffen, dass die Mercianer ihrem berühmten Spross kein Denkmal setzen. "Ich wäre der Erste, der Farbe draufsprüht. Oder Titten draufpappt."

 Reznor ist Mitte 30. Die meisten seiner Freunde sind jünger - und er fühlt sich auch so. Meistens jedenfalls. "Komisch ist vor allem, wenn ich jemand in meinem Alter anschaue und denke: `Mann ist der alt'."

 Reznor stupst ein Krabbeltierchen, das an einem Felsen hängt. Er rührt sich nicht. "Könnten wir ´ne kleine Pause machen?", fragt er uns sieht zu seinen Leuten hinüber, die am Strand herumtollen. "Ich möcht ´ne Weile mit den anderen abhängen." Er läuft zu ihnen hinüber. Aber dann - geht er an ihnen vorbei, zum Wasser.

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