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Jahr 1999

 Danke, Nils!

Spiegel Reporter

 

November 1999

 

Sympathie für den Makler

 

  Autor: nicht angegeben

 

 

Trent Reznor, Sänger der Nine Inch Nails, gilt als amerikanisches Rock-Idol der neunziger Jahre. Aus Verehrung stecken ihm seine Fans sogar tote Ratten in den Briefkasten.

Das Haus, das ihm dieser Immobilienmakler draußen in den Hollywood Hills anbot, sei „eine Perle“: im Ranchstyle gebaut, idyllisch, und von der Terrasse aus habe man einen phantastischen Panoramablick über die Hügel. Und was Trent Reznor, damals ein zwar in Indie-Kreisen angesehener, aber weithin unbekannter Rockmusiker, am meisten überzeugte, war die verblüffend niedrige Miete für das Häuschen am Cielo Drive 10050. Mit der ganzen Wahrheit rückte der Immobilienmakler erst am Ende heraus. „In diesem Haus hatte Charles Mansons Family die Schauspielerin Sharon Tate und deren Freunde umgebracht“, sagt Reznor.

Er zog trotzdem ein, baute im Wohnzimmer, in dem die Morde begangen wurden, ein Studio ein und produzierte dort Musik, die klingt, als wenn er in jener Horror-Nacht vor 30 Jahren von draußen heimlich zugeschaut habe: „Ich hätte diese Platte nicht in irgendeinem Reihen haus machen können!“

„The Downward Spiral“ heißt diese CD, und sie hört sich auch heute noch an wie ein wüster Ritt durch die Hölle: Die Electro-Rhythmen rasen, die Gitarren dröhnen, und Reznor singt so finstere Texte, dass sich sogar unverbesserlichen Frohnaturen dunkle Schatten über die Seele schieben.

Fünf Millionen Mal hat sich die Platte, die das amerikanische Nachrichtenmagazin „Time“ zum „Meilenstein der Neunziger“ erkor, seitdem verkauft, und Reznor gilt heute als Idol amerikanischer US-Teen ager. Der Preis, den Reznor für den Erfolg zahlen musste, war hoch: Draußen auf dem Cielo Drive fuhren Sightseeing-Busse vorbei, schwarzgewandte Fans steckten ihrem Idol tote Ratten als Ausdruck ihrer Verehrung in den Briefkasten. „Nichts ist so unheimlich wie Erfolg, du traust keiner Seele mehr, am wenigsten dir selbst!“ Die Schaffenskrise überbrückte er mit Arbeiten für geistesverwandte Auftraggeber: Er produzierte das Erfolgsalbum des Gruftie-Idols Marilyn Manson und Soundtracks für David Lynch (,‚Lost Highway“) und Oliver Stone („Natural Born Killers“). Und weil auch danach die Ideen fehlten, kam es, dass zum zweiten Mal ein Immobilienmakler in den Lauf der Rockgeschichte eingreifen musste.

Diesmal verschlug es Reznor nach langer Suche in ein Bestattungsinstitut in New Orleans, nicht weit entfernt vom Haus der amerikanischen Vampir-Dichterin Anne Rice. „Zugegeben, das klingt wie ein billiger PR Trick“, erklärt Reznor, „aber der Schnitt des Hauses kommt meinen Ansprüchen sehr entgegen — außerdem sind die Räume herrlich kühl.“

Dort konnte endlich auch das dritte Nine-Inch-Nails-Album entstehen. Vielleicht liegt es an den Räumen, vielleicht auch nur an der gemächlichen Atmosphäre der Stadt — „The Fragile“ jedenfalls ist ein überraschend zahmes und ruhiges Werk geworden. Dass es trotz dem sofort die Spitze der amerikanischen Hitparade eroberte, sei, sagt Reznor, vor allem der zahmen, also drögen Konkurrenz zu verdanken. „Die Rock‘n‘Roll-Kultur hat den Biss verloren, und es gibt nun mal nichts schlimmeres als Unterhaltung für die ganze Familie.“

Christoph Dallach

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