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11.11. 1999

 

Elektronischer Frankenstein

 

  Autor: Claus Lutterbeck

 

 

Mit seinen düsteren Untergangsvisionen ist Hardrocker Trent Reznor von „Nine Inch Nails“ zum Lieblingsbösewicht der US-Tugendwächter avanciert

Willkommen im Nichts. Im Nothing brennen lila Kerzen. Ein gebleichter Kuhschädel liegt im Eingang, an der Wand hängt ein Foto von einem Embryo im Glas. Schwarze Hunde schleichen durch dunkle Flure. Bleiche Leute in schwarzen T-Shirts und schwarzen Hosen hantieren an Computergebirgen, aus denen verstörende, elektronische Geräusche quellen. Der Teppichboden ist dunkel, die Wände mit dunkelblauen Samttapeten bespannt. Sogar die Fenster sind nach außen schwarz verspiegelt. In den schummrigen Labyrinthen der Nothing Studios‘ zu New Orleans haust ein junger Mann, der es gern makaber mag. Trent Reznor, 34, lebt mit Tod, Untergang und Schrecken wie andere Rockstars mit Drogen und Groupies. Das grau gestrichene Holzhaus, in dem er heute seine düsteren Songs schreibt, war früher ein Bestattungsinstitut. In Hollywood wohnte er einmal in dem Haus, in dem Sharon Tate ermordet wurde.

Reznor ist der Kopf von ’Nine Inch Nails ‘,einer Rockband, die praktisch nur aus ihm besteht. Er schreibt alle Lieder und Texte, er spielt fast alle Instrumente und holt aus seinen zahllosen Apple-Computern so apokalyptische Geräusche, dass die Tageszeitung ‘USA Today‘ ihn ‘elektronischer Frankenstein‘ taufte. Selbst Reznors leise Lieder klingen noch so, als habe er Stacheldraht um die Töne gewickelt. Nur wenn er auf Tour geht, bringt er Musiker mit.

Nine Inch Nails, das sind 23 Zentimeter lange Nägel - und mit denen schlägt er voller Wucht zu: ‘Diese Welt hat mich weggeworfen/diese Welt gab mir nie eine Chance/dafür wird diese Welt bezahlen.‘ Die Welt zahlt schon jetzt, und zwar freiwillig. Der Rockstar wider Willen mutierte zum Pop-Idol, und seine Verzweiflungsschreie wurden zu Millionenhits. Zwar weigerten sich MW und etliche Radiostationen, sie zu senden. Doch die jungen Amerikaner waren von so viel roher Wut und Selbstzerstörung fasziniert. Seit Kurt Cobain sich mit einem Kopfschuss ins Nirvana befördert hatte, gab es keinen Sänger mehr, der die Isolation und Entfremdung einer Generation so dramatisch ausdrücken konnte wie der scheue Junge mit dem stechenden Blick.

‚Rockmusik ist keine sichere Sache, sie muss immer auch subversiv sein‘, befand Reznor schon 1994. ‘Deine Eltern müssen sie hassen. Wenn es sie ankotzt, ist es super.‘ Daran arbeitet er bis heute hart, seine jüngste Doppel-CD ‘The Fragile‘, die Zerbrechliche, ist wieder ein Absturz in Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit: ‘Es gibt keinen Ort, an dem ich mich verstecken kann.‘ Die Doppel-CD mit den 23 Nummern stürmte die Charts wie im Amoklauf und wurde auf Anhieb die Nummer eins in den USA.

Dabei sind die Leiden des jungen R. kein glattes Marketing-Produkt wie die sorgfältig kalkulierten Widerlichkeiten des Marilyn Manson. Die Verzweiflung Reznors ist echt, sie kommt aus einem grenzenlos unglücklichen Einzelgänger.

Als er fünf Jahre alt war, überließen seine jungen Eltern ihn der Großmutter. In dem kleinen Nest in Pennsylvania, in dem er aufwuchs, war er immer ein Außenseiter. Er gehörte nicht zu den Sportskanonen, die von den Mädchen angehimmelt wurden. Stattdessen hörte er Pink Floyd und Kiss, interessierte sich für Horrorfilme und hatte nur einen Wunsch: ‘Weg hier!‘ Er ging nach Cleveland und studierte klassisches Piano.

Reznor schrieb die Musik zu Oliver Stones umstrittener Gewaltorgie ‘Natural Born Killers‘, einen Film, den er selbst heute ‘sehr gefährlich‘ findet. Später produzierte er das fragwürdige Album ‘Antichrist Superstar‘ seines damaligen Freundes Marilyn Manson. Die Vorliebe für alles, was verboten und mit Tabus belegt war, machte ihn bald zum Lieblings-Bösewicht der US-Tugendwächter. Sein ‘nihilistischer Einfluss‘ auf die Jugend wurde besonders nach der Schul-Schießerei in Denver beklagt, bei der 14 Jugendliche und ein Lehrer starben. Doch Reznor weist die Kritik zurück: ‘Es ist billig, die Rockmusik zu beschuldigen. Hört man in Deutschland nicht auch meine Lieder? Schießen die Kids dort etwa auch ihre Mitschüler tot? Das Problem in den USA sind doch die vielen Knarren.‘

1994 veröffentlichte er eine CD mit dem bezeichnenden Namen ‘The Downward Spiral‘. Die Botschaft kam gut an bei der Generation X, sie griff über fünf Millionen Mal zu und machte ihn zum Millionär. Nur Reznor begriff zu spät, dass der Typ mitten in der Abwärtsspirale er selbst war: ‘Irgendwann bin ich auf dem Boden aufgeschlagen. Ich hatte Angst vor mir, vor allem, ich hatte Angst, mich ans Klavier zu setzen und ein Lied zu spielen, weil ich dachte, ich sei leer.‘ Der Erfolg konnte seine Ängste nicht besänftigen. Im Gegenteil, er stürzte ihn nur noch tiefer in die existenzielle Krise: ‘Plötzlich war ich genau der Typ, der ich auf keinen Fall werden wollte. Plötzlich sind mir die Leute in den Arsch gekrochen.‘ Er nahm Zuflucht zu Drogen und Alkohol, und irgendwann stand er wirklich kurz vor dem Selbstmord, den er in seinen Songs immer gefeiert hatte: ‘Emotional, geistig und seelisch war ich an einem Punkt von absolutem Unglück angekommen.’

Inzwischen hat er sich gefangen und gelernt: ‘Es ist ein Unterschied, ob du mit Selbstmord flirtest, wenn du deine Lieder schreibst. Oder ob du selber kurz davor stehst.‘ Früher sei er ‘einfach gegen alles‘ gewesen: ‘He, ich brauche niemand! Ich bin Ich. Fuck deine Mythen!‘ Heute sehe er das anders, sagt er und schaut dabei durch das vergitterte Fenster seines Studios hinaus auf die Straße, wo die Leute stehen bleiben, um sich vor den verspiegelten Fenstern zu kämmen oder in den Zähnen zu pulen. ‘Ich fange grade an rauszukriegen, dass ich vielleicht doch nicht allein bin auf der Welt. Vielleicht gibt es ja doch eine höhere Macht oder einen Sinn hinter allem.‘

Claus Lutterbeck

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