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Jahr 2005

 

Legacy

April/Mai 2005

NIN - Durchgebissen

 

Text: Sascha Blach

 

 

 

Es war 1999, als Trent Reznor unter dem Banner NINE INCH NAILS das Doppel-Album “The Fragile“ kreierte und damit in musikalischer Hinsicht das anspruchvollste und innovativste Werk seit seinem Karrierebeginn 1988 veröffentlichte. In punkto Verkaufszahlen konnte das ausladende Album jedoch nicht an den großen Erfolg des Vorgängers “The Downward Spiral (1994) anknüpfen. Was folgte, waren zahlreiche Auftritte quer um den Globus, sowie das Remix-Album “Things Falling Apart“ (2000) und die Live- Scheibe “And All That Could Have Been“ (2001). Mastermind Trent Reznor indes fiel in dieser Zeit in ein kreatives Loch und geriet immer tiefer in eine Hölle aus Drogen und Alkohol. Lange Zeit war ungewiss, ob jener Mann, der zuvor als Inbegriff des modernen Rockstars galt, aus diesem Tal überhaupt noch einmal herauskommen würde und entsprechend lange war es auch still um NINE INCH NAILS. Insgesamt sechs Jahre dauerte es bis Trent Reznor schließlich das insgesamt vierte Studioalbum „With Teeth“ fertig gestellt hatte, das am 2. Mai diesen Jahres endlich das Licht der Welt erblickt. Der Medienrummel um NINE INCH NAILS hingegen ist dieser Tage scheinbar größer denn je und so absolvierte Trent Reznor bereits seinen achten Interview-Tag in Folge, als er dem Legacy Anfang April in einem dunklen Berliner Hotelzimmer Rede und Antwort stand. Doch von Erschöpfung keine Spur. Trent zeigte sich redselig und sichtlich glücklich darüber, dass er überhaupt noch ein ganzes Album promoten kann…

LEGACY: Trent, „With Teeth“ ist ein gradlinigeres und eingängigeres Album als der Vorgänger „The Fragile“, auf dem du vie mit Ambient-Sounds und ausladenden Instrumental-Teilen experimentiert hast. Gestaltete sich diesmal auch die Studioarbeit entsprechend stressfreier?

TRENT: Ich habe im Januar letzten Jahres mit den Arbeiten für das Album begonnen und dabei erstmals einen anderen Ansatz für das Songwriting verwendet. Mein eigentliches Studio steht in New Orleans. Diesmal habe ich mich jedoch entschieden, diese Umgebung zu verlassen und ein Haus in den Bergen von Los Angeles zu mieten, um dort mit sehr minimalistischen Mitteln zu arbeiten. Ich hatte lediglich ein Piano, einen Drum-Computer und einen Computer um mich herum. Im Gegensatz zu „The Fragile“ und „The Downward Spiral“ waren die Worte diesmal zuerst da. Ich setzte mir die Deadline, dass ich alle zehn Tage zwei Songs in Demo-Versionen fertig stellen wollte. Der Grund dafür war, dass ich bei den letzten beiden Alben alle Songs direkt im Studio kreierte. Dadurch nahmen das Songwriting, die Arrangements, die Produktion und die Sounds alle eine gleich gewichtige Rolle ein. Ich saß also in einem Raum unendlicher Möglichkeiten und startete einen Songs beispielsweise mit einem Drum-Loop, einem Sound-Effekt oder einem Schnipsel. Dann begann ich, die Dinge zu schichten, woraus langsam die Songs entstanden. Dieses Mal wollte ich hingegen mit dem eigentlichen Song beginnen und ihn erst später arrangieren. Das ist der Hauptgrund, weshalb auf dem Album eher die Songs im Mittelpunkt stehen, nicht so sehr die instrumentale Seite. Zuvor hatte ich mit meiner rechten Hand Atticus Ross einige Sessions in New Orleans absolviert, bei denen wir an verschiedenen musikalischen Ideen gearbeitet haben. Dabei kristallisierte sich heraus, dass wir dieses Mal mit echten Drums anstelle von Programmings arbeiten wollten. Des weiteren sollte die Produktion sehr an unseren Live-Sound angelehnt sein und so wenig Spuren wie möglich enthalten, so dass der Sound auf das Nötigste reduziert wird. Das war eine Reaktion auf „The Fragile“, denn dieses Album war genau das Gegenteil davon. Es beinhaltete so unglaublich viele Spuren und Elemente, dass es kaum vorstellbar ist. Ich wollte einfach eine andere Strategie probieren. Der Masterplan war, eine typische Rock-Platte zu machen und das hat mich sehr inspiriert.

LEGACY: Welchen Einfluss hatten die Sessions mit Atticus Ross auf die neuen Songs?

TRENT: Was übrig blieb, waren vor allem Arrangement-Ideen und Sounds. Dadurch gab es jede Menge Ideen, auf die wir später zurückgreifen konnten. Wir nahmen beispielsweise einen primitiven, alten Kassettenrekorder-Drum-Loop und ließen ihn mit einer elektronischen, analogen Sequenz zusammen ablaufen. Diese Experimente führten zu abgefahrenen Sounds und unsere Ansammlung solcher Ideen wurde größer und größer. Ein paar Tage später hörte man dann wieder rein und stellte fest, dass fünf oder sechs Sounds zu einer Songidee gehören. Man fügte sie also zusammen und wählte dann das Beste vom besten aus. Immer wieder kamen wir so auf Sachen, die scheiße klangen, aber auch auf Ideen, mit denen sich weiter arbeiten ließ. Bevor ich im Januar letzten Jahres mit dem eigentlichen Songwriting begann, hatte ich etwa 50 Ideen, die ich schließlich auf 15 Songs reduzierte. Mein erster Plan war, einfach Worte zu diesen Songs zu finden und daraus die Platte zu machen. Aber es funktionierte nicht, denn als ich in Los Angeles war, sprudelten viele Worte aus mir heraus, die nicht zu diesen Songs passen wollten. Außerdem klangen meine neuen Ideen aufregender, so dass ich erst einmal weiter neue Stücke zu diesen Worten schrieb. Was wir aus diesem Jahr, in dem wir eigentlich nur herum experimentiert haben, lernten, war, dass wir ein Album kreieren wollten, das nicht perfekt klingt, sondern eher wie eine Band, die live spielt. Etwas Brutales und Minimalistisches in Bezug auf die Arrangements. Ich habe all dies schließlich auf das Album angewendet. Deshalb fällt “With Teeth“ roher aus.

LEGACY: Inwieweit unterscheidet sich diese Arbeitsweise von den vorherigen Werken?

TRENT: “The Fragile“ und “The Downward Spiral“ begannen beide nicht mit Worten, sondern meist mit irgendwelchen Beats. Ich habe mich erst neulich wieder intensiv mit “The Downward Spiral“ beschäftigt, da ich es vor etwa acht Monaten im 5.1 Surround-Format neu gemischt habe. Da habe ich mir die Mastertapes das erste Mal nach langer Zeit wieder angehört und es kamen all die Erinnerungen wieder hoch. Seinerzeit begannen die meisten Songs mit einem Loop oder einem            Sound aus dem wahren Leben, etwas, das die Treppe herunterfällt beispielsweise. Diese Sounds wurden geloopt und es entstanden abgefahrene Rhythmen daraus, die mit anderen merkwürdigen Rhythmen überlagert wurden und dann kam vielleicht noch ein traditioneller Beat darauf. Wir griffen auch viel auf filme zurück, die wir uns ohne Bild anhörten und sobald eine interessante Sequenz kam, wurde sie aufgenommen und dann mit anderen Passagen zusammen gemischt. Ich wusste am Ende kaum noch, wo all die Sachen herkamen. Wann immer wir etwas Fremdartiges hörten, wussten wir, dass es cool ist. Ich habe all dieses Sounds, deren Herkunft ich nicht kannte, schließlich in meinen Sampler geladen und weiter damit herum experimentiert. Dadurch hatte wir eine große Sammlung an Loops und als es dann darum ging, die Songs zu arrangieren, konnten wir darauf zurückgreifen. „Reptile“ besteht zum Beispiel aus fünf verschiedenen Film-Passagen, wie Explosionen, die zusammen einen fremdartigen Rhythmus bilden und schlussendlich in den Song eingearbeitet wurden. Diesmal hingegen standen eher traditionelle Songs und Melodien am Anfang, so dass das Endergebnis anders klingt.

LEGACY: Ist es schwierig, den Punkt zu finden, an dem der Song fertig ist, so dass man ihn nicht überproduziert?

TRENT: Ja, das ist in der Tat nicht einfach. Diesmal war es nicht ganz so schwierig, wie bei „The Fragile“, da ich durch dieses Album viel gelernt habe. Damals war ich sehr unsicher bezüglich meiner Texte. Ich wusste nicht, was ich sagen wollte, war die meiste Zeit am Arsch und mein Gehirn funktionierte nicht mehr so recht. Was ich jedoch konnte, war, Musik zu schreiben. Also improvisierte ich viel und machte weiter und weiter. Eines Tages hatte ich unzählige Songs, aber noch keinen einzigen Text. Also beendete ich erst einmal die Songs und stellte dann fest, dass häufig gar kein Platz mehr für den Gesang war, weil so viel anderes Zeugs, das sich angehäuft hatte, den Platz weg nahm. Nun versuchte ich, mich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren und es dabei zu belassen. Am Anfang stand nun immer der Gesang. Ich möchte nicht behaupten, dass die ein besserer Ansatz ist, es einfach eine andere Arbeitsstrategie, die zu anderen Ergebnissen führt. Keine Ahnung, ob ich auch in Zukunft wieder so arbeiten werde. Aber diesmal war es definitiv der richtige Weg.

LEGACY: Wie lange mixt du an einem Song?

TRENT: Bei diesem Album dauerte es meistens nur zwei Tage pro Song. Den Mix habe ich in Los Angeles zusammen mit Alan Moulder gemacht. Bei „The Fragile“ hingegen konnte es manchmal ewig dauern. Ich erinnere mich noch, dass wir an „We’re In This Together“ drei Wochen gemischt haben und ich hätte mich dabei am Ende liebsten aufgehängt, da wir den Sound einfach nicht richtig hin bekommen haben. Wir hatten diesen Song so oft gehört und ich hasste ihn schlussendlich regelrecht. Es hat mich so angekotzt, gegen diesen Song anzukämpfen. Ich habe ihn bis heute nicht live gespielt, da ich nach dem Mix einfach nur die Schnauze voll davon hatte. Bei der Produktion des aktuellen Albums gab es keine derlei schwierigen Situationen. Vielleicht ein paar Problemfälle, aber nichts, das wirklich lange dauerte.

LEGACY: Du hast dieses Mal also die Experimente zugunsten der eigentlichen Songs zurück gefahren?

TRENT: Es gab durchaus Experimente, aber sie bestanden nicht darin, dass ich immer mehr und mehr hinzufügte. Wir haben die Songs zum Beispiel ganz anders aufgenommen und dabei nach dem Zufallsprinzip mit vielen Verstärkern gearbeitet, die wir nie zuvor verwendet hatten. Aber ich wollte es bewusst etwas anderes als “The Fragile“ machen, eine nacktere Platte. Das schien mir diesmal aufregender.

LEGACY: Deine Produktionen haben in der Vergangenheit mit jedem Album einen neuen, innovativen Soundstandard etabliert und viele Musiker haben sich deine Platten wieder und wieder bis in kleinste Detail angehört und sich gefragt, wie du das bloß machst. Was macht deiner Meinung den Unterschied aus? Ist es lediglich die teure Technik?

TRENT: Es ist schön, das zu hören, denn als Alan und ich „The Fragile“ fertig stellten, dachten wir uns, dass die Menschen nie im Leben glauben würden, wie wir all das gemacht haben. Ich mag die Idee, ein Album zu produzieren, das auf mehreren Ebenen so gut wie möglich klingt, nicht nur beim oberflächlichen Anhören. Wenn man meine Scheiben mit den Ohren eines Engineers hört und seine Aufmerksamkeit auf all die verschiedenen Soundebenen legt, wird man viele kleine Details entdecken. Es hat weniger mit teuren Geräten zu tun, als damit, dass ich viel über Dinge nachdenke, denen die meisten Menschen gar keine Aufmerksamkeit widmen. Jeder Schritt einer Aufnahme ist eine große Herausforderung, wenn man sich nur etwas damit beschäftigt. Als wir „The Fragile“ mischten, haben wir zum Beispiel  Surround-Sounds in den Stereomix eingebaut, um die Hörer auf einem unbewussten Level zu fordern. Als das Album dann herauskam, hatten wir hingegen das Gefühl, dass es niemand richtig angehört hatte. Zumindest schien niemand all die Mühe zu bemerken, die wir investiert hatten. Es gibt eine große Menge Produktionstricks und interessante Details auf „The Fragile“, die in dem großen Berg an Veröffentlichungen verloren gingen, denn die Scheibe war sehr lang und es war ermüdend auf alles zu achten. Deshalb ist es umso schöner, nun zu hören, dass es scheinbar doch ein paar Leute gab, die sich das Album im Detail anhörten.

LEGACY: Brauchst du jemanden wie Alan Moulder zur Zusammenarbeit, um dich nicht irgendwann selbst in den Songs zu verlieren?

TRENT: Was ich an der Arbeit mit Alan mag ist, dass er das unterstützt, was ich machen will. Er verschönert die Musik, ohne sie zu bekämpfen. Wir sprechen dieselbe Sprache, reden mit dem gleichen musikalischen Vokabular. Wir können uns auf dieselbe Art Musik beziehen und wissen, wovon wir sprechen. Er ist wie eine Verlängerung meiner Hände und meines Gehirns. Manchmal brauchen wir nicht einmal zu reden, um zu wissen, was der andere denkt. Zudem ist er in Dingen gut, die ich nicht so gut kann. Deshalb können wir sehr entspannt zusammenarbeiten. Er hilft mir, meine Visionen umzusetzen und wir müssen keine Kämpfe austragen, um ein gutes Ergebnis zu bekommen.

LEGACY: Du hast in der Vergangenheit viele Remixe deiner eigenen Songs angefertigt. Was reizt dich daran? Hat es damit zu tun, die fertige Version eines Songs nicht akzeptieren zu können und deshalb immer mehrere verschiedene Varianten ein und desselben Stückes zu kreieren?

TRENT: Keine Ahnung. Ein Remix-Album von „With Teeth“ ist vorerst nicht geplant, das fühlt sich im Moment nicht richtig an. Mein Geschmack hat sich diesbezüglich etwas geändert. Früher war es für mich immer interessant, meine Platten an Leute zu geben, die ich respektiere, um zu sehen, wie sie sie interpretieren. Aber viele meiner eigenen Remixe sind aus heutiger Sicht ganz großer Mist. Damals war es eine coole Sache. Aber heutzutage habe ich daran kaum noch Interesse.

LEGACY: Hörst du dir deine eigenen Werke immer wieder und wieder an, wenn sie fertig sind oder packst du die direkt nach der Produktion zur Seite?

TRENT: Ich musste „With Teeth“ nach den langen Monaten des Mixens, in denen wir die Songs wieder und wieder gehört haben, einfach erstmal zur Seite packen. Diese Platte endete so, dass wir eine große Auswahl an Songs für das Album hatten und ich die Entscheidung traf, welche Stücke wir auf die Scheibe packen. Das nächste große Problem war es, die Songs in einer Reihenfolge anzuordnen, so dass sie Sinn machen. Unglücklicherweise habe ich drei Menschen in meinem Umkreis nach ihrer Meinung gefragt und sie gaben mir drei unterschiedliche Antworten, die alle nicht meiner Vorstellung entsprachen. Ich habe daraus gelernt, das nicht noch einmal zu tun. Am Ende griff ich auf meine Variante zurück, da sie sich für mich einfach richtig anhörte. Danach hörte ich noch ein paar Mal in meinem Auto in das Album rein und seit gut zehn Monaten lebe ich nun sehr gut damit. Wir haben kürzlich die neuen Songs mit der ganzen Band eingeprobt, da habe ich mich wieder mehr mit den Stücken beschäftigt und es fühlt sich nach wie vor frisch an. Ich wusste seit jeher, dass es eine gute Platte ist, auch wenn ich sie mir in letzter Zeit nicht mehr allzu oft angehört habe.

LEGACY: Welche Musiker sind auf dem Album zu hören? Du hast Ex-Nirvana-Schlagzeuger und Foo Fighters Frontmann Dave Grohl etwa die Hälfte der Drum-Tracks einspielen lassen. Wie kam es dazu?

TRENT: Ich habe alles außer der Schlagzeug-Spuren selbst eingespielt. Aber ich wusste, dass ich echte Drums haben wollte, deshalb hat mein Live-Drummer Jerome Dillon die eine Hälfte und Dave Grohl die andere Hälfte eingetrommelt. Das hat das Album ungemein aufgewertet. Es war sehr aufregend, denn ich habe Dave Grohl als Person und Drummer stets sehr respektiert. Als wir im Studio versuchten, zu beschreiben, was wir uns hinsichtlich des Sounds vorstellten, fiel immer wieder die Beschreibung, dass die Drums klingen sollen, wie Dave Grohl sie spielen würde. Eines Tages dachten wir uns, warum fragen wir ihn nicht einfach. Glücklicherweise war er verfügbar und gleich sehr engagiert. Bevor er ins Studio kam, hatte er noch keinen Song gehört. Er setzte sich also einfach hinters Schlagzeug, legte los und es war grandios. Jeder saß nur noch mit einem breiten Grinsen da. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung.

LEGACY: Was erwartest du dir mit dem Album? Denkst du über Aspekte wie Ruhm nach oder war es dir nur wichtig, in musikalischer Hinsicht eine gute Scheibe zu veröffentlichen?

TRENT: Ich hoffe natürlich, dass es in kommerzieller Hinsicht gut läuft und es viele Menschen mögen. Aber um ehrlich zu sein, wusste ich lange Zeit nicht, ob ich überhaupt noch einmal ein Album machen kann. Vor ein paar Jahren hatte ich keine Ahnung, ob ich noch lange leben würde. Ich musste dringend erst einmal wieder mein Leben auf die Reihe bekommen. Als ich letztes Jahr anfing, die Songs zu schreiben, war ich unsicher, ob ich etwas zu sagen habe und ob ich nüchtern arbeiten kann. Ich hatte Angst, mein Gehirn und mich selbst schon komplett zerstört zu haben. So weit war es gekommen. Als ich wieder anfing zu schreiben, machte es mich umso glücklicher, zu sehen, dass ich es überhaupt noch konnte. Es fühlte sich wieder gut an, Musik zu machen, da ich wieder klar im Kopf war. Als die Platte fertig war, wusste ich nicht, wie es mit meiner Karriere bestellt war, da ich sehr lange gebraucht hatte, um in meinem Leben die Kurve zu kriegen. Das Leben als Drogenabhängiger hat mich schließlich sechs Jahre Pause zwischen zwei Alben gekostet. Ich habe das beste Album abgeliefert, das in meinen Möglichkeiten lag und es fühlt sich immer noch gut an. Ansonsten bin ich froh, dass ich dieses Album überhaupt machen konnte, nun wieder eine gute Live-Band am Start habe und hier sitze, um dieses Interview zu geben. Mehr kann ich nicht machen, schließlich kann ich niemanden dazu zwingen, die Scheibe zu kaufen oder sie zu mögen. Wenn die Leute keinen Zugang dazu finden, ist es enttäuschend, aber nicht das Ende der Welt. Im Moment überrascht es mich eher, dass nach so langer Zeit immer noch so viele Menschen ein Interesse an mir haben.

LEGACY: Würdest du mit NINE INCH NAILS aufhören, wenn du merkst, dass es kaum noch jemanden interessiert oder ist dir das Projekt als Möglichkeit, dich selbst auszudrücken, so wichtig, dass es existieren wird, so lange du lebst?

TRENT: NINE INCH NAILS ist ein Name, unter dem ich arbeite, ein Rahmen, in dem ich Musik schreibe, die in eine bestimmte Kategorie passt. Wenn ich das Gefühl bekomme, dass es mir nicht mehr viel bedeutet oder ich eines Tages aufwache und das Bedürfnis habe, nur noch über Sonnenschein und Hundewelpen zu schreiben, wird es Zeit, außerhalb von NINE INCH NAILS weiter zu machen und es ruhen zu lassen. Letztendlich muss ich unabhängig von Erfolg oder Nicht-Erfolg am Ende mit mir im Reinen sein, Ich habe in meinem Leben zahlreiche dumme Dinge gemacht und viele Fehler begangen, aber bisher ist es mir zumindest gelungen, NINE INCH NAILS davon rein zu halten und die ehrlichste Musik zu machen, die mir möglich ist. Jedes Album ist eine Reflexion meines Lebens zur jeweiligen Zeit und ich habe mir immer Mühe gegeben, nicht darüber nachzudenken, was für meine Karriere am förderlichsten ist. Ich kann mit diesem Wissen sehr gut schlafen und ich würde es nicht aufgeben,  nur um die Sache irgendwie am Leben zu halten oder weil ich Geld brauche. Dazu bedeutet es mir zu viel.

LEGACY: Ist “With Teeth“ das persönlichste NINE INCH NAILS-Album bisher?

TRENT: Es ist zumindest das Album, das am ehesten komplett ungefiltert aus mir herauskam und bei dem ich mir die wenigsten Gedanken darüber gemacht habe, was die Menschen wohl darüber denken würden. Es ist nicht die hässlichste, wütendste oder verzweifeltste Platte von mir, aber sie ist auf ihre Weise sehr ehrlich und spiegelt meinen momentanen Gemütszustand sehr gut wieder. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, nicht über die Außenwelt nachzudenken, was ich zuvor bis zu einem gewissen Grad immer gemacht habe, auch wenn ich mir dessen nie bewusst war. Ich hatte stets große Angst, dass meine Alben in keine Kategorie mehr passen würden. Diesbezüglich ist „With Teeth“ ehrlicher.

LEGACY: Hast du Musik generell in den letzten sechs Jahren mehr zu schätzen gelernt?

TRENT: Sicher. Ich liebte Musik und meine Karriere immer auf dieselbe Weise. Aber meine Karriere wurde irgendwann ein großes Ärgernis, da sie mit Wettkämpfen, Ängstlichkeit, Chart-Positionen und all diesem Mist verbunden ist. Dadurch vernachlässigte ich irgendwann meine Liebe zur Musik, da es keinen Unterschied mehr machte. Nun weiß ich wieder, weshalb ich mit dieser ganzen Sache einst begonnen habe, eben aus jener Liebe zur Musik heraus! Deswegen bin ich hier. Das hatte ich in all dem Rockstartum irgendwann vergessen. Nun habe ich wieder begriffen, dass mir das mehr bedeutet, als all die andere Scheiße.

LEGACY: Gibt es noch etwas, das du abschließend sagen möchtest?

TRENT: Im Moment fühlt sich wieder alles sehr aufregend an. Wir haben bereits fünf Shows gespielt und es war großartig, wir hätten am liebsten gar nicht mehr aufgehört. Ich habe jetzt einen Monat Auszeit für die ganze Presse-Promotion, aber danach geht es ein Jahr auf Tour, worauf ich mich sehr freue.

LEGACY: Lass uns also hoffen, dass es nicht wieder sechs Jahre bis zum nächsten Album dauert.

TRENT: Ganz deiner Meinung. Danke für die Unterstützung.

Sascha Blach

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