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Jahr 2005

 

Süddeutsche Zeitung

 

Mai 2005

 

Spirale abwärts

 

Autor: Dirk Peitz

 

 

 

 

Süddeutsche Zeitung vom 2.5.2005 (Internetseite)

 Nine Inch Nails - Spirale abwärts

 Bei ihrer grandiosen Rückkehr präsentieren "Nine Inch Nails" Texte, die Identifikationsflächen für verzweifelte Hausfrauen bis hin zum arbeitslosen Fernsehgucker bieten. Beste Unterschichtenmusik also.

Von Dirk Peitz

 Der Mann schwitzt aus allen Poren. Er ist gerade mal beim dritten, vierten Lied, viel bewegt hat er sich auf der Bühne bis dahin nicht, bloß dagestanden ist er in seinen klobigen Bikerboots, den Blick ins Nirgendwo gerichtet, also eigentlich tief in sich selbst hinein, na logisch.

 Um ihn herum führt derweil seine Backingband sämtliche verfügbaren Bewegungsklischees der letzten drei Rock-Jahrzehnte vor, Headbangen, Moshen, Verstärkerkaputttreten, aber der Mann in der Mitte bleibt ungerührt, ist völlig in sich selbst versunken, auch das ein Superrockklischee.

 Das ist Trent Reznor, der Mann hinter dem Namen Nine Inch Nails. Die anderen sind Mietmusiker, die Reznor eine Weile auf Tournee begleiten dürfen, bis er sich andere sucht. Es ist das Londoner Astoria, ein Vorabkonzert zur Einstimmung auf den Veröffentlichungstermin von "With Teeth", des ersten regulären Nine-Inch-Nails-Albums seit sechs Jahren. Heute erscheint es. Halleluja.

Workaholic mit Blockade

Trent Reznor ist vielleicht der unbekannteste Superstar der Rockgeschichte. Dabei ist er für die letzten 15 Jahre Rock so bedeutsam wie sonst wohl nur Kurt Cobain: Reznors Verdienst ist es, so ziemlich alle verfügbaren Musikstile der menschlichen Entfremdung - Industrial, Gothic, Metal, Alternative Rock - verschnitten und bis knapp vor jenen prekären Punkt popularisiert zu haben, an dem die Freunde dieser ideologisch gut bewachten Genres "Ausverkauf!" gebellt hätten.

 So blieb Nine Inch Nails das bestverkaufte Untergrundphänomen der letzten Jahre, dessen Faszination sich wie fast alles im Rock vor allem aus der heroischen Figur Trent Reznor erklärt: Eine modernere und zugleich archaischere hat der Rock nicht zu bieten.

 Reznor, das ist der original Schmerzensmann . . . ein zur manischen Klangbearbeitung seiner Musik neigendes Produktionsgenie . . . ein Workaholic mit wiederkehrendem writers' block . . . der Mann, der mit der Albumproduktion von "Antichrist Superstar" Marilyn Manson mehr erfunden hat als der sich selbst . . . der Songschreiber, aus dessen Feder "Hurt" stammt, das Lied, das alle für das letzte große von Johnny Cash halten . . . ein Held der mental endlos Pubertierenden - "die Welt hat keinen Platz für mich" . . . der Heilige Geist der jungen Modernisierungsverlierer, zumal in den de-industrialisierten Gebieten der westlichen Welt, von Castrop-Rauxel bis Leuna, Liverpool bis Detroit.

Weit verbreitete Suchtgeschichte

Dort, in den Vorstädten und Provinznestern, gibt es sie noch, die moderesistenten, meinungsmachtlosen Gegenkulturen. Bleiche Goths, verfilzte Dreadlock-Outcasts, kahlgeschorene, nur von Piercings und Tattoos zusammengehaltene Hardcore-Gestalten füllen das Astoria, und aus welchen Löchern sie auch immer gekrochen sein mögen, auf den High Streets des Londoner West End jedenfalls sieht man sie nie.

 Wenn man dem braungebrannten, muskulösen Trent Reznor dann gegenübersitzt, ein paar Tage nach dem Konzert, nun in einer Kölner Hotelsuite, erzählt er einem zunächst mal ungefragt, dass er vor vier Jahren fast krepiert wäre an übermäßigem Drogen- und Alkoholkonsum. Hätte man jetzt nicht unbedingt wissen wollen. Ist ja eher was Persönliches, dient aber im Rock-Verständnis der biografischen Authentisierung einer Platte. Die darf nicht erdacht, sondern muss echt erlebt worden sein: Eine gewisse Todesnähe gehört einfach dazu, um Trent Reznor sein zu dürfen.

 Seine Suchtgeschichte hat er schon ziemlich herumerzählt, fast wortgleiche Zitate standen in nahezu allen Ankündigungshuldigungen der Gruselrockmagazine, die dann die entscheidende Potenzfrage des phallozentristischen Rock auch eher rhetorisch stellten: Hat der mittlerweile trockene und cleane Reznor sechs Jahre nach dem lärmsymphonischen "The Fragile", elf Jahre nach seinem ultimativen musikalischen Kraftakt "The Downward Spiral", 16 Jahre nach dem stilbildenden Debüt "Pretty Hate Machine" noch die, nun ja, Eier für ein existentialistisches Meisterwerk? Geht dieses spezifische Reznor-Kaputtsein eigentlich mit klarem Kopf?

 Erstens: Hat er. Zweitens: Das geht. Denn so eine Reha kuriert ja nicht das Leiden des Heroen an sich selbst und der Welt da draußen; die Unfähigkeit, in ein bisschen kleineren als den Kategorien Himmel oder Hölle zu denken; die blinde Wut, die ein Ziel sucht und im Zweifel in Selbstdestruktivität mündet. Wobei mit Album Nummer vier simultan die erzählerische Stufe vier der Nine-Inch-Nails-Saga erreicht ist.

 Nach "Reznor gegen die Welt" ("Pretty Hate Machine"), "Reznor vs Reznor" ("The Downward Spiral") und "Reznor gegen die verinnerlichte Star-Projektion seiner selbst" ("The Fragile") fragt nun mit "With Teeth" der frisch gefegte Geist: "Wer bin ich eigentlich?" Also demonstrative Rückbesinnung, aufs Songschreiben statt aufs Studioexperiment, keine drei Wochen Arbeit mehr an einen Hi-Hat-Sound verschwenden, sondern mal eine zornige Hookline wirklich zuende schreiben. Auch so eine übliche Rock-Geschichte.

Geflüstertes Mantra

Aber bei jemandem wie Reznor klingt das auch im nüchternen Zustand noch nach Grillen im irdischen Seelenfegefeuer, auch wenn die ersten Schwermetaller-Rezensionen über poppige Stellen mäkeln. Dabei war das schon immer der musikalische Trick Reznors, der von Anfang an Stilvielfalt und Überraschungseffekt hieß.

 "All The Love In The World", gleich das erste Stück des Albums, zeigt, wie das funktioniert: Es beginnt mit einer subsonischen Basssequenz und einem geflüsterten Mantra, und dann, als das Lied schon einzuschlafen oder auf eine dieser superbilligen, plötzlich losdonnernden Metal-Schlagzeugorgien hinauszulaufen scheint, setzt ein Pianoakkord ein, das Lied kippt hinüber in Rhythm & Blues, ja ins Gospelhafte.

 Reznors Texte, die stets im Mehrdeutigen verharren, bieten derweil Identifikationsflächen für jeden sich anständig entfremdet Fühlenden. So einen vage mit dem Motiv Depression hantierenden Titel wie "Every Day Is Exactly The Same" zum Beispiel könnten sie alle mitsingen, die werktätigen Aufs-Wochenende-Wartenden, die verzweifelten Hausfrauen, die arbeitslosen Fernsehgucker, die Schüler im adoleszenten Hormonstrudel. Oder eigentlich: wir alle. Hölle, Hölle, Hölle.

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