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Jahr 2007

 

 

Motor.de

 

12. April 2007

 

Der Apokalyptische Reiter

 

 

  Words: Torsten Groß 

 

 

Auf der Webseite des Labels "Motormusic" wurde im April 2007 dieses Interview veröffentlicht. Hier der Link zum Originalartikel.

 

Auf dem neuen Nine Inch Nails-Album "Year Zero" entwirft Trent Reznor das düstere Schreckenszenario eines totalitären Polizeistaats in den am Rande des Untergangs stehenden USA des Jahres 2022. Ein Konzept, welches sich unschwer als Metapher auf heutige Missstände lesen lässt. Wir sprachen mit Trent Reznor über Verfehlungen der Bush-Administration, die Vorteile drogenfreien Arbeitens und seine Hoffnungen für die Zukunft.

 

 

Bislang betrug die übliche Pause zwischen zwei Nine Inch Nails-Alben immer fünf Jahre, jetzt hat es nur zwei gedauert. Obwohl man "Year Zero" ja zumindest inhaltlich sogar als dein bislang ambitioniertestes Projekt bezeichnen könnte.


Dafür gibt eine ganze Reihe von Gründen, aber der wichtigste ist sicher, dass ich seit 2001 keine Drogen mehr nehme und nicht mehr trinke. Im Vorfeld von "With Teeth" brauchte ich einfach eine Menge Zeit, um mich wieder zu sammeln und gesund zu werden. Die lange Pause nach "The Fragile" war also in erster Linie diesem Prozess gewidmet. Das "With Teeth"-Album hat mir gezeigt, dass ich auch nüchtern Musik machen kann, was ja zu beweisen war. Auf der letzten Tour hatte ich dann auf einmal jede Menge freie Zeit, die ich sonst immer mit Saufen und Drogennehmen verbracht hatte. Um in dieser Situation nicht durchzudrehen, hatte ich ständig meinen Laptop dabei und arbeitete wo immer ich auch war - im Bus, backstage, im Hotel - an allem, was mir so durch den Kopf schoss. Als wir von der Tour zurückkamen, hatte ich eine Menge interessanter Ideen gesammelt, die sich aufregend und inspirierend anfühlten. Also habe ich erst gar keine große Pause gemacht, sondern begann unverzüglich die Ideen auszuarbeiten, Texte zu schreiben, Konzepte zu entwickeln.

Interessant, dass du tatsächlich am Laptop komponierst. Auch wenn deine Musik natürlich immer Industrial- und Sample-lastig war, beruht die Basis der meisten Nine Inch Nails-Songs doch auf einer klaren, klassischen Melodie. Die meisten funktionieren auch, wie man so schön sagt, am Lagerfeuer.


Bis einschließlich "The Fragile" habe ich fast ausschließlich am Computer gearbeitet. Diese klassischen Songstrukturen, die du meinst, haben sich später ganz automatisch eingeschlichen. Was vermutlich durch meine jahrelange Bestrahlung mit Mainstream-Rock kommt. Dort wo ich aufgewachsen bin, im absoluten Niemandland, gab es keine andere Musik als das Formatradio. Das war mein erster Eindruck von Musik, der mich natürlich geprägt hat. Ein Umstand, mit dem ich allerdings nicht unglücklich bin. Ich denke schon, dass ich fast unbewusst immer auf memorable Strukturen und klassische Refrains aus bin, ohne sie hätte ich vermutlich auch nicht so viel Erfolg gehabt. Auf der Basis eines funktionierenden Songs konnte ich mir vielleicht überhaupt erst die Freiheit nehmen, so viel mit Sounds zu experimentieren. Das wurde praktisch durch die Grundstruktur des Songs legitimiert. Bei "With Teeth" hatte ich ständig Rick Rubin im Ohr, der die Meinung vertrat, ein guter Song müsse grundsätzlich einer beatle'esken Grundstruktur folgen. Ich denke, da steckt durchaus eine gewisse Wahrheit drin, weshalb die Basis beinahe jedes Songs auf dem Album auf dem Klavier entstand. Dieses Mal war es allerdings das exakte Gegenteil. Eine Reaktion auf die konventionelle Herangehensweise beim letzten Mal. Mir ging es ganz bewusst um das Zerschlagen konventioneller Strukturen. Mich reizte es, ohne Rücksicht auf jegliche Regeln einfach nur meinem Gefühl zu folgen. Ich habe keinerlei Rücksicht darauf genommen, ob die Tracks einen Refrain oder eine logische Abfolge haben. Natürlich gibt es hier und da Melodien, aber wenn sie da sind, dann nicht bewusst. Im Wesentlichen bin ich hier also einem rein improvisatorischen Ansatz gefolgt, was ich als sehr befreiend empfunden habe. Ich sage nicht, dass das der einzig wahre Weg ist, aber für mich hat es sich diesmal richtig angefühlt. Vielleicht wird diese Herangehensweise für den Hörer auch gar nicht so offensichtlich, vielleicht hört sich das ja alles total strukturiert an, aber so bin ich die Sache angegangen.

 

Dass deine Songs in einem universalen Zusammenhang und auf ihr Grundgerüst reduziert funktionieren können, hat ja nicht zuletzt Johnny Cashs Coverversion von "Hurt" gezeigt. Hast du dich durch Cashs Version geschmeichelt gefühlt?


Zunächst war das natürlich sehr schmeichelhaft. Dass so ein großartiger Songschreiber sich für einen meiner Songs entscheidet. Auch wenn natürlich Rick Rubin "Hurt" ausgesucht hat und nicht Cash selbst. Aber das Ergebnis hat Johnny zu verantworten und das Ergebnis ist großartig. Und dazu dann auch noch dieses Video... Die Transformation eines Songs zu beobachten, den ich in einer sehr intimern Situation im Bett auf meinem Laptop über mich selbst und meine Verzweiflung geschrieben hatte, zu etwas von universaler Bedeutung, das offensichtlich das Zeug hatte, das Leben dieser Ikone zu bebildern, war unglaublich spannend und interessant für mich als Songwriter. Das ist ja durch das Video fast zu einer Art Epitaph auf Jonny Cashs Leben und Wirken geworden. Ein für mich sehr inspirierender Moment, der mich wieder einmal an die Macht der Musik erinnert hat.

Brauchte es das selbstreflektierte "With Teeth", um mit deiner Drogenvergangenheit abzuschließen und den Weg freizumachen für die Auseinandersetzung mit großen, universal gültigen Themen? Du hast dich jedenfalls nie zuvor so explizit politisch geäußert wie jetzt auf "Year Zero"...


"With Teeth" hat mir jedenfalls mein Vertrauen in mich selbst und als Songwriter zurückgegeben. Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke... Damals hätte ich geschworen, dass ich so kreativ, mutig und angstfrei im Umgang mit Musik war, wie ich nur irgend hätte sein können. Aus der Distanz wird mir jedoch klar, dass ich doch noch sehr zögerlich und unsicher agiert habe. Ich fragte damals Leute nach ihrer Meinung, deren Ansichten mir sonst völlig egal gewesen wären. Ich sage nicht, dass das grundsätzlich falsch ist, es passt nur einfach nicht zu mir. Bei dieser Platte jetzt, "Year Zero", habe ich absolut niemanden nach seiner Meinung gefragt. Ich war mir meiner selbst und der Musik, die ich schrieb absolut sicher. Derart überzeugt von meiner Musik war ich zuletzt bei "The Downward Spiral".

Immerhin anerkanntermaßen dein bislang bestes Album...


Da hat es funktioniert, in der Tat, sogar kommerziell. Was man nun wirklich nicht erwarten konnte und womit ich auch nicht gerechnet hatte. Zumindest nicht in dieser Dimension. Was mir aber viel wichtiger war, ob die Leute mir das nun abnehmen oder nicht, war, dass es in künstlerischer Hinsicht funktioniert hat. Damals war das jedoch wegen meiner Lebensumstände ein kraftraubender, langwieriger Akt, während mir die Arbeit jetzt erstaunlich leicht gefallen ist. Es hat sich einfach alles wie von selbst zusammengefügt.

Zumindest am inhaltlichen Konzept wirst du aber doch schon etwas länger gebrütet haben, oder?


Ganz im Gegenteil. Diese Geschichte tauchte plötzlich in meinem Kopf auf und nahm dann unfassbar schnell Gestalt an. Im August 2006 fing ich an. Zu dieser Zeit hatte ich noch keinen Titel für das Album und auch noch keine Songs. Was ich aber hatte, war eine Menge Musik und einige Ideen für Songtitel. Als ich mir diese Titel dann anguckte, fiel mir auf, dass sie auf wundersame und vorher nicht geplante Weise alle meine in diesen Tagen häufig empfundene Scham meine Herkunft betreffend ausdrückten. Diese Gefühle wollte ich thematisieren, fürchtete aber, nicht die richtige Form zu finden, um die Aufmerksamkeit der Leute zu erlangen. Niemand will schließlich platte Anti-Bush-Phrasen hören, so was ist billig und selbstgefällig. Man verändert nichts mit solchen Plattitüden, sondern schmeichelt sich nur selbst.

Capital G scheint aber schon ziemlich deutlich auf George W. zugeschnitten zu sein, oder?


"Capital G." bedeutet "Greed". Aber natürlich könnte es in diese Richtung interpretiert werden. Jedenfalls bestand die selbst gestellte Herausforderung für mich darin, wie ich diese Themen in eine geeignete Form packen könnte. So kam ich auf die Idee, die aktuellen Entwicklungen in der Welt, in der wir leben, einfach konstant weiterzuspinnen und mir ihre unausweichliche Konsequenzen vor Augen zu führen.

Die ja in der Tat mannigfaltig sind. Unter anderem wäre hier die Klimaveränderung zu nennen, von deren nach heutigem Stand der Forschung wahrscheinlichen Auswirkungen du ja indirekt selbst betroffen warst. Du hast lange in New Orleans gewohnt und bist erst kurz vor dem Hurrikan Katrina von dort weggezogen. Wie hast du die Katastrophe erlebt?


Lass mich zunächst etwas Generelles über das Leben und Aufwachsen in den USA sagen. Und ich bin weiß Gott nicht stolz darauf, das zu sagen, es erfüllt mich vielmehr mit Scham. Jedenfalls werden wir hier vom Tag unserer Geburt an darauf trainiert, sämtlichen Dingen außerhalb unseres Mikrokosmos keine Beachtung zu schenken. Kriege, Katastrophen, Terroranschläge - all diese Dinge passieren immer nur woanders. Zur Zeit des Hurrikans war ich in L.A. und saß eine Woche fast ununterbrochen vor dem Fernseher. Das war eine der schmerzhaftesten Wochen in meinem Leben. Jede Kameraeinstellung, jedes Bild in der Zeitung, jede Straßenecke war mir vertraut. Ich habe 14 Jahre in dieser Stadt gelebt und mit einem Mal war all das nicht mehr da. Auf der einen Seite war das natürlich zunächst einmal einfach eine Naturkatastrophe, für die man nicht direkt jemanden verantwortlich machen konnte. Das Schlimmste war aber die unfassbare Inkompetenz zu erleben, mit der die verantwortlichen Stellen der Katastrophe begegneten. Zu sehen, wie die von der Gesellschaft Vergessenen auf den Dächern ihrer zerstörten umfluteten Häuser saßen, ohne dass sich irgendjemand um se gekümmert hätte. Ich sah eine Menge Prominente und Fernsehteams mit ihren Booten durch die überfluteten Straßen schippern und die Opfer wie Zirkusattraktionen bestaunten. Und nicht einer von ihnen hat gesagt: "Hier, nimm meine Hand, ich helfe dir", oder: "Kommt zu uns, wir haben Wasser." Und dann das furchtbare Durcheinander, das die von Bush ins Amt gehoben Chargen aus dem Ministerium für den scheiß Heimatschutz verursachten, ohne jegliche Effektivität zu erzielen... Ich meine: Wenn du in deinem Job derart grobe Fehler machen würdest, dass du damit zigtausende Menschen in den Tod bringen würdest, was würde wohl passieren?

Man würde mich vermutlich rausschmeißen.
Exakt. Aber diese Leute sind alle noch in ihren gutsituierten Ämtern!Denkst du, dass mit Hillary Clinton oder Barack Obama irgendetwas zum Besseren wenden könnte?


Ich denke, jeder andere ist besser als George W. Bush. Ich würde sehr gerne glauben, dass die Leute zu verstehen beginnen, wem sie da die Macht gegeben haben, was diese Regierung wirklich für unser Land bedeutet. Allerdings glaube ich auch, dass einige auf Bush zurückzuführende Entwicklungen so katastrophal sind, dass sie unumkehrbar sind. Obama macht einen viel versprechenden Eindruck, aber ich glaube nicht, dass Amerika wirklich reif für einen schwarzen Präsidenten ist. Man darf einfach das Gros der Bevölkerung in der Mitte des Landes nicht vergessen. Dasselbe könnte man auch über eine Frau sagen. Und ich glaube einfach nicht, so sehr ich es mir wünschte, dass meine Meinung in irgendeiner Form repräsentativ für dieses Land ist. Man wirft Obama ja gerne seine politische Unerfahrenheit vor. Gerade das ist meiner Meinung nach aber ein eindeutiger Pluspunkt, weil es ja bedeutet, oder bedeuten könnte, dass er noch nicht so korrumpiert ist von der Politikmaschinerie. Es wird interessant, zu beobachten was passiert. Gefährlich wird allerdings die Infrastruktur, die die Republikaner in den letzten Jahren installiert haben. Die Tatsache z.B., dass die ohnehin umstrittenen Wahlmaschinen privatisiert wurden. Wie zur Hölle konnte das passieren? Die unglaubliche Macht, welche Lobby-Verbände ausüben können. Und dann natürlich die Infiltration der öffentlichen Meinung durch die Medien. "Fox News" ist die ultimative Propagandamaschine, der Bush-Kanal. Diese Leute sind ja nicht doof. Dieses System ist auf allen Ebenen bis ins letzte Detail durchgeplant, es ist genial, das muss man anerkennen, und, das Schlimmste: es funktioniert! Diese Infrastruktur zu durchbrechen wird allen Gegenkandidaten bei den nächsten Wahlen eine Menge abverlangen und ich weiß nicht, ob das funktionieren kann.

Der letzte Song, "Zero Sum", lässt deine persönliche Prognose, wo all diese Entwicklungen tatsächlich hinführen werden, ein bisschen im Unklaren: Endgültiger Untergang oder Neuanfang?


Dieses offene Ende ist zunächst einmal rein dramaturgischer Natur. Um mir die Option für ein "Year Zero Part II" offen zu halten, an dem ich im Übrigen bereits arbeite. Über den tatsächlichen Ausgang bin ich mir allerdings noch nicht im Klaren, da musst du mich beim nächsten Mal fragen.

Und in der realen Welt, wie optimistisch bist du für uns alle?


Im Moment gibt es nicht besonders viele Anlässe, optimistisch zu sein: Die Klimaveränderung, der Einfluss der Ölindustrie auf die Politik und die damit einhergehende Unterdrückung alternativer Konzepte zur Energiegewinnung und natürlich die Kriege, die wir deswegen führen - man könnte diese Liste endlos fortführen, es gibt so viele Aspekte der Welt aus "Year Zero", die bereits jetzt Realität geworden sind. Vielleicht kann ich ja wenigstens ein bisschen dazu beitragen, ein paar Leute aufzuwecken.

Eine letzte Frage: Du kritisierst totalitäre Regime und die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung. Wie passt das mit im Vorfeld des Interviews herausgegeben Verhaltensmaßregeln für dieses Interview zusammen?


Wie bitte?

Wir bekamen eine Email mit exakten Verhaltensmaßregeln.


Das wusste ich nicht einmal! Ernsthaft: Du kannst mich fragen, was du willst.

Text: Torsten Groß

 

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