.

 

 

 

 

 

 

 

NIN-PAGES

Interviews

Album

Live

Gesamt-Übersicht

Jahr 2007

 

 

Visions

 

Mai 2007

 

Captain Future

 

  Text: Jochen Schliemann

 

 

Eine komplett neue Zeitrechnung hat sich Trent Reznor für das neue Album von Nine Inch Nails ausgedacht. Aus einem Tagtraum baute er die dunkle und bedenklich realistische Zukunftsversion des „Year Zero“ – den perfekten Nährboden für die gleichnamige Platte. Aber es geht um mehr. Denn das Year Zero befindet sich längst im System. Im Internet, auf T-Shirts in unseren Schränken, unter Telefonanschlüssen irgendwo in den USA, im Trinkwasser, auf Toiletten in Lissabon und Manchester. Scheinbar unkoordiniert gestreute Dokumente, Neuigkeiten aus der Zukunft. Gestreut werden sie aus dem musikalischen Untergrund Amerikas.

Eine neumodisch gestaltete Massentoilette im Keller einer Kölner Konzerthalle: Die Bässe vom Konzert pumpen die Kacheln fast aus den Wänden. Die Frau am Tisch, die Schokoriegel und Kaugummis verkauft, liest Zeitung. Ob sie ahnt, dass sie heute Statistin im „Year Zero“ werden kann? Wohl kaum. Ihr werden die paar Menschen mit dem Schriftzug ‚NIN‘ auf ihrer tendenziell dunklen Kleidung nicht mal aufgefallen sein, deren Blicke öfter als sonst über den Boden des Waschraums schweifen. Ein paar Freaks, ein paar Leute, deren Lieblingsband hier heute Abend spielt. Und selbst wenn ein paar von ihnen länger als sonst selbstvergessen die Papiertücher auf dem Boden umher treten, suchend in die Ecken gucken oder ab und zu sogar blitzschnell niederknien, um unter den Klotüren durchzuschauen — selbst dann: nichts Weltbewegendes.

Am 10. Februar 2007 begannen die amerikanischen Pioniere des Elektronikrock, Nine Inch Nails, ihre aktuelle Europa-Tournee in Lissabon. Und wie auf jeder Nine-Inch-Nails-Tournee kauften sich einige der durchaus als leidenschaftlich bekannten Fans an diesem Abend ein Tour-T Shirt. Wenig später entdeckte ein Käufer auf der Rückseite seines Shirts in den aufgelisteten Tourneedaten, dass sich einige Buchstaben leicht von den übrigen abhoben. Er schrieb diese Buchstaben auf und setzte sie zusammen. Sie ergaben den Satz „I Am Trying To Believe“. Googelt man diesen Satz im Internet, gelangt man zu der URL iamtryingtobelieve.com. Schwer zu entziffern, offenbar in der Übertragung gestört und im Antlitz eigentlich eher Datenmüll verkündet die Seite auf Englisch: „Parepin-Informationen, die Sie wissen müssen“. Zusammengestellte Zeitungssauschnitte verraten: Parepin ist ein gegen „Bio-Terrorismus“ immunisierendes Medikament, das die Regierung trotz Protesten der Bevölkerung dem Trinkwasser zusetzen lässt. Der Mann hinter iamtryingtobelieve.com behauptet nun, der Entzug von diesem Medikament verursache keineswegs die von der Regierung prophezeite Paranoia, sondern eher Klarheit. Die Seite beschließt mit der Frage: „Was, wenn Parepin Bio-Terrorismus ist?“ Eine Verschwörungstheorie. Die Zusammenhänge verschwimmen weiter durch gesammelte Fotos und Informationen zu etwas namens „The Presence“, der Erscheinung einer riesigen Hand, die sich aus dem Himmel auf die Erde streckt. Auf eine Mail an eine kaum zu erkennende Adresse folgt umgehend eine automatische Antwort. „Vielen Dank für Ihr Interesse. Es ist nun klar für mich, dass Parepin ein komplett sicherer und effektiver Wirkstoff ist, um uns vor Bio-Terrorismus zu beschützen. Die Administration handelt im besten Interesse ihrer Bürger. Anderes anzunehmen war unverantwortlich, und ich bereue dies zutiefst. Ich trinke das Wasser, so sollten sie es tun.“

Fast parallel zur Entdeckung von iamtryingtobelive.com gelangt ein brandneuer Nine-Inch-Nails Song ins Netz. Gefunden wurde er am selben Abend in Lissabon in der Ecke der Club-Toilette - auf einem USB-Stick. Umgehend formieren sich neue Communities und Foren, in denen Nine-Inch-Nails-Anhänger diese spektakulären Funde diskutieren. Sie stellen erste Theorien auf. Suchen weiter. Und finden immer mehr. Neue Websites mit einer ähnlich kryptischen Ästhetik werden gefunden. Ihr Zugang versteckt sich in Codes auf alten NIN-Veröffentlichungen oder in Morsezeichen am Ende einer Tonaufnahme, die man hört, wenn man eine amerikanische Telefonnummer anruft, die ebenfalls auf besagtem Tour-Shirt versteckt ist. Ganz Schlaue finden sogar bei einer Spektralanalyse des USB-Stick Songs in dessen Audiospur ein Abbild von „The Presence“.

Am 26. Februar wird ein weiterer USB-Stick während eines Konzertes in Manchester auf einer Toilette gefunden. Darauf gespeichert ist das Video zur neuen Nine-Inch-Nails-Single „Survivalism“. Selbst die Musiksender und die Plattenfirma der Band gelangen erst durch diesen Fund an den Clip. So langsam ahnen auch sie, dass sie Statisten eines neuartigen Versteckspiels sind, das gerade erst begonnen hat. Nach und nach fügt sich das Puzzle zusammen. Der Suchende erfährt über Militäreinsätze der USA in Pakistan, dem Tschad, Syrien oder dem Jemen. Der versteckte Blog eines Ex-Militär-Veterans berichtet vom US-Atombombenabwurf auf die iranische Hauptstadt Teheran. Ein NIN-Fan findet schließlich eine Seite, die an ein Bombenattentat auf die 81. Oscar-Verleihung im so genannten Jahr - 13 BA erinnert. Und seitdem ist klar: Bei den Fun en handelt es sich um Nachrichten und Dokumente aus einer neuen Zeitrechnung, deren Jahr Null offenbar das Jahr 2022 ist. In dieser Zukunft herrscht ein despotisches, fundamentalistisches Regime, das seine Bevölkerung mit der Droge Parepin unter dem Vorwand des Schutzes vor mysteriösen Gegnern manipuliert. Hinzu spinnt sich ein Rätsel um die besagte, bisher nur amateurhaft dokumentierte Erscheinung von „The Presence“. Die schmückt im Jahr -15 BA, also im Jahr 2007 unserer Zeit, das Cover des sechsten Nine-Inch-Nails-Albums „Year Zero“. 33 Tage vor Veröffentlichung desselben blättert die Frau vor den Toiletten in ihrer Zeitung und denkt sich nichts. Die Bässe pumpen, die Show läuft seit ein paar Minuten. Nur ein paar Gestalten schleichen durch die Toilette, den Blick suchend nach unten gerichtet.

Um 8Uhr am nächsten Morgen ist klar, dass es aus Köln nichts Neues zu berichten gibt. Längst stünde es im Netz. Wie alles andere von gestern Abend: die Setlist, Trent Reznors Ansagen als Audiodatei, Konzertberichte. Das bisherige Protokoll der „Year Zero-Schnitzeljagd findet sich im deutschen Forum yearzero.de oder auf der eigens dafür eingerichteten Wikipedia-Homepage ninwiki.com. Jetzt betritt erst einmal der Meister selbst den Raum. Kurze, schwarze Haare, schwarzes Shirt, schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Socken, schwarze Chucks und er selbst: frisch wie der Morgen.

VISIONS: Trent, 20 Minuten für so ein weites Feld.

Trent Reznor: Tut mir leid. Ich werde schnell sprechen.

VISIONS: Was wirst du am Silvesterabend 2021 machen?

Reznor: 2021? Mal sehen... Nun, hoffentlich werde ich noch am Leben sein... Und hoffentlich wird die Welt noch hier sein. (überlegt) Ich bin ein Low-Key-Silvester-Typ. Ich brauche einen isolierten Ort und jemanden, der mir wichtig ist. Ich konnte noch nie den richtigen Platz für diesen Abend finden und dachte immer, jeder andere Mensch hätte mehr Spaß als ich.

VISIONS: Das Jahr 2022 spielt seit kurzem eine besondere Rolle in der Nine-Inch-Nails-Welt.

Reznor:Ja, also... Wo fängt man da an?! (überlegt) Weißt du, ich habe schon auf der „With Teeth“ Tournee an der neuen Platte gearbeitet. Vieles habe ich damals in Hotelzimmern, Backstage und auf Busfahrten aufgenommen. Ich merkte, dass diese kreative Limitierung sehr cool war. Die Ergebnisse klangen besonders. Ich konnte nicht einfach ein Schlagzeug aufnehmen, weil es keines gab. Ich hatte meistens nicht einmal eine Gitarre. Ich werde nicht immer so Musik machen, aber dieses Mal machte es Spaß. Die Musik war dann im letzten Sommer fertig, und ich fragte mich, in welche Richtung diese Platte textlich gegen soll. Ich weiß schon länger, dass ich keine Texte auf Tour schreiben kann. Ich brauche dafür Zeit, ich muss mich in die Songs hineindenken. Wenn ich weiß, dass ich in zehn Minuten etwas anderes machen muss oder die Tür sich ständig öffnen wird und Leute mich nerven, kann ich mich nicht konzentrieren.

VISIONS: Die Idee zum Konzept von „Year Zero‘ kam dir also erst, nachdem ein Großteil der Musik stand?

Reznor: Das ganze Experiment begann eigentlich mit einem Geräusch auf meinem Laptop, das mich in einen kurzen Tagtraum über das Ende der Welt zog. Diese Idee walzte ich aus. Als ich erst einmal begonnen hatte, fielen alle Teile ineinander. Ich wollte eine Platte darüber schreiben, wie es sich anfühlt, heutzutage ein Amerikaner zu sein; Teil eines Landes, das mit voller Kraft in die falsche Richtung rast. Ein Land, dessen Regierung den Rest der Welt und seine eigenen Bürger mit einer derartigen Arroganz gegen übertritt, dass sich das Ganze für mich anfühlt wie das klassische Ende eines Imperiums. Wir überschreiten gerade eine Grenze. Es macht mich und viele andere Amerikaner regelrecht krank, wie die Regierung die Linien zwischen Religion und Politik verwischt. Sie steuern uns in den Wahnsinn.

VISIONS: Was...

Reznor: Was ich allerdings nicht wollte, war eine Platte namens „Checkin‘ George Bush“ oder so — also plump herummeckern. Das haben genügend andere getan, das will niemand mehr hören, Außerdem wird das nichts verändern. Entweder du glaubst an diesen Schwachsinn oder nicht. Also heiratete ich eine der großen Lieben meines Lebens: Science Fiction. Das gab mir die Möglichkeit, von diesem direkten Ansatz wegzukommen. Ich stellte mir eine einfache Frage: Was würde passieren, wenn wir so weitermachen? Ich spielte mit dieser Idee herum und überlegte, wie ich sie in Fiktion umsetzen könnte. Wie lang würde es noch dauern, bis es kippt? 15 Jahre schienen mir die richtige Spanne zu sein. Das ist nicht allzu viel, aber durchaus realistisch.

VISIONS: Diese Zukunftsvision wird nun verbreitet durch unterschiedlichste Dokumente und versteckte Botschaften, die scheinbar willkürlich gestreut werden. Wie kamst du auf diese Idee?

Reznor: Wie lange hast du denn mit dem Thema zugebracht?

VISIONS: Rund zwei Tage. Irgendwann muss man ja wieder aufhören.

Reznor: Und? Hat es Spaß gemacht?

VISIONS:ja.

Reznor: Deshalb mache ich das. Wie es funktioniert, fasziniert mich. Für mich bestand wie gesagt das Problem der Umsetzung der „Year Zero“ Idee ziemlich lange. Irgendwann begann ich einfach, in jedem kleinsten Detail aufzuschreiben, wie diese Welt aussieht. Wie es dazu kam, welches politisches Klima dort herrscht, welches religiöse... Was wird mit dem Wetter passiert sein zu diesem Zeitpunkt? Ich malte ein komplettes Bild. Die Songtexte schrieb ich dann aus den Perspektiven von Menschen in dieser Welt. Meist spielen die Songs in dem Moment, in dem diese Menschen Klarheit über ihre Situation erlangen. „Wie klingt dieser Moment?“, fragte ich mich.

VISIONS: Damit singst du zum ersten Mal nicht vornehmlich über dich selbst.

Reznor: Ja, zum ersten Mal versuchte ich so etwas. Natürlich ergaben sich Überschneidungen zwischen meinem Leben und der Geschichte, aber ich versuchte, als dritte Person aufzutreten, als Erzähler. Ich fand es sogar einfacher, es gab mir alle Freiheiten. Als die Welt schließlich komplett war, stellte sich mir das Problem, wie ich sie den Menschen vermittle. Zum einen kann die Platte natürlich für sich alleine stehen. Du kannst dich hinsetzen, sie hören und schreiben: „Das ist eine gute, harte Platte blablabla…“ All den ganzen Mist. Aber wie sollte ich den Kontext vermitteln?

VISIONS: Ein Film vielleicht? Spekulationen dar über gibt es ja.

Reznor: Habe ich lange überlegt. Aber das hätte ewig gedauert, ich hätte Menschen um Geld fragen müssen, die mich nicht verstehen, ich hätte mich erklären müssen. Ehrlich gesagt habe ich da überhaupt keinen Bock drauf.

VISIONS: Ein Buch?

Reznor: Ja, aber ich dachte mir, dass ergänzende Texte im Artwork der Platte oder Webpages ausreichen würden und der Musik zudem viel mehr helfen. Ich wollte den Menschen, die sich für Nine Inch Nails interessieren, einen Grad der Tiefe anbieten, den sie selbst gestalten können und der, wenn sie wollen, weit über das hinausgeht, was sie sich vorstellen. Ich wollte eine Sache, die mitten in ihr Leben eindringt. Ein Tool, das dich von hier auf jetzt mitten in die Geschichte wirft. Internet-Communities, die sich im Idealfall gründen, entdecken eine Welt, die ich so aufgebaut habe, dass sie echt genug ist, um realistisch zu sein. Sie ist eigentlich fast echt. Und sie wächst in unsere Welt durch die Leute, die sie entdecken und sich darüber mit anderen austauschen. Es hat ja gerade erst begonnen. Das ist eine Geschichte mit rund (zuckt mit den Schultern) 100 Kapiteln oder so. Momentan haben sie Kapitel 2, 7, 8, 96... Ich habe arrangiert, wie ich ihnen etwas zeigen will, das sie aber selbst finden müssen: „Das könnte zu dem passen, diese Nummer zu dieser Website Es gibt mir eine gewisse Genugtuung. die Leute nun zu beobachten auf dem richtigen oder falschen Pfad.

VISIONS: In ihrer abstrakten, dunklen, futuristischen Ästhetik passt diese Welt ziemlich gut zu Nine Inch Nails‘ Musik.

Reznor: Ja, manches soll ganz bewusst eine gewisse Paranoia auslösen. Die Entdeckung und dieser sofort aufschießende Gedanke: Scheiße. sollte ich hier sein?“ Das alles sind Zustände, die man schwer aus einem Buch bekommt. Hier geht um einen neuen Weg, eine Geschichte zu erzählen, aus der jeder seine eigene machen kann. Ich hasse nichts mehr als desillusionierende Filme. Niemand auf dieser Welt dachte, als er das Buch „The Da Vinci Code“ las, die Hauptperson sehe aus wie Tom Hanks. Kein Mensch! Solche Momente wollte ich unbedingt vermeiden.

VISIONS: Aber wie bewerkstelligt man den Aufwand einer solch ausgeklügelten ‚Propaganda‘? Gerüchte besagen, dass dahinter die berühmte Marketing-Agentur ‚42 Entertainment‘ steht, die allerdings kein Kommentar zu dem Thema abgeben will. Deine Plattenfirma schreibt derweil, Reznor habe das Medium Internet und die virale Verbreitung mit Hilfe seiner zahlreichen Fans bereits seit geraumer Zeit als sein Promotion-Instrument Nummer Eins erkannt.“ Sprich: Das ganze riecht auch nach einer Marketing-Kampagne, die sich, einem Virus gleich, scheinbar ungesteuert verbreitet.

Reznor: Hier ist die Wahrheit: Rob Sheridan ist mein Art-Director und mein bester Freund. Wir machen das gesamte Nine-Inch-Nails-Artwork zusammen. Wir denken in vielen Angelegenheiten gleich. Irgendwann während der Überlegungen zum Konzept fiel Rob und mir die Werbekampagne für „Artificial Intelligence: A.I.“ ein, diesen Science-Fiction-Film von Stanley Kubrick, den Stephen Spielberg fertig stellte. Da gab es im Vorfeld des Filmstarts diese Kette von Tipps im Internet, welche die Hintergrundgeschichte zum Film lieferten. Rob und ich waren begeistert davon. Wir konnten nicht glauben, dass jemand diese Welt schuf, aus der der Film erst resultierte. Wir suchten also und fanden auch die Leute, die dafür verantwortlich waren. Ich sagte ihnen: „Hört mal, woran ich sicher nicht interessiert bin, ist, dass das hier eine Marketingkampgane wird. Ich will nicht, dass ihr etwas kreiert, mit dem ich Platten verkaufe. Alles was ich habe ist eine Geschichte. Hier! Ich würde diese Geschichte gern in die Welt sähen. Ich brauche Hilfe von den besten und verrücktesten Typen auf diesem Gebiet.“ Und glaub mir, diese Typen sind verrückt.

VISIONS: Verrückte sind oft nicht billig. Wer hat das bezahlt?

Reznor: Ich. Ich habe sie engagiert. Ich habe einfach nur ähnlich tickende Menschen gefunden, die etwas gut können, dass ich nicht kann. Was allerdings mein Herz gebrochen hat war, dass gleich eine der ersten öffentlichen Reaktionen war, dass das eine Marketingkampagne ist. Ich meine...ich bin natürlich kein Idiot. Ich weiß, dass diese Aktion Menschen für die Platte interessiert. Aber das hier ist kein neuer Weg, dir etwas zu verkaufen so wie ein beschissener Klingelton, eine Konzertkartenverlosung oder ein Werbespot. Die Platte und die Geschichte sind gleichermaßen wichtig. Das, was all diese Menschen gerade im Internet machen, ist genauso das Erlebnis „Year Zero“ wie die Platte.

VISIONS: Deine Plattenfirma dürfte zudem nicht wirklich glücklich darüber sein, dass du, so wie es momentan aussieht, alle Songs noch vor der Veröffentlichung verschenken willst. Du stellst sie ins Netz oder wirfst sie auf USB-Sticks in Toiletten.

Reznor: Die Plattenfirma ist sicherlich nicht froh darüber. Sie verstehen nicht, was ich gerade mache. Das ist aber auch ganz gut so, denn wenn denen bewusst würde, dass ich bereits fünf meiner Mastertapes irgendwie veröffentlicht habe... Ich werde sogar das gesamte Album in seinen einzelnen Aufnahmespuren veröffentlichen, mit denen die Leute dann ihre eigenen Versionen der Songs basteln können. Für mich ist das eine coole Sache! Ich würde mir das sofort herunterladen. Selbst bei Bands, die ich beschissen finde. Und vor allem demontiert es diesen Schwachsinn, dass Musik nur uns Künstlern gehört. Diesen Copyright-Kram... Fuck all that! Es ist Musik. Es ist dafür da, entdeckt zu werden und geteilt. Und das ist das Schöne an der Technik. So wie ich gerade „Year Zero“ erzähle, wäre es vor Jahren nicht möglich gewesen. Diese Geschichte benutzt unsere aktuellen Kommunikationswege. Ich zumindest schreibe längst mehr E-Mails, als dass ich telefoniere.

VISIONS: Im „Year Zero“ scheint es eine offizielle Realität und eine tatsächliche, beängstigende Realität zu geben. Der Leitspruch der Regierung ist „Freiheit ist ein Privileg, kein Recht.“ Die Gegen-Öffentlichkeit hingegen spricht in den Songs zum Hörer von heute, formiert sich unter einer Flagge und schickt immer wieder Aufschreie aus dem Untergrund. Siehst du Nine Inch Nails als Undergroundband?

Reznor: Ich weiß, was du meinst. Ich stimme dir auch zu: Wir sind bei einer riesigen Plattenfirma, wir haben einiges verkauft... Aber ich hatte nie den Eindruck, dass wir umarmt wurden vom Fernsehen, und auf keinen Fall vom Radio. Meiner Ansicht nach war es nie cool, Nine Inch Nails zu hören. Niemals. Wir waren nicht im Grunge Movement, im Raprock-Movement, sind ganz sicher nicht in diesem Scheiß-Emo-Movement, oder wie auch immer man Fall Out Boy nennt. Außer Scheiße. Bevor diese Tournee begann, spielte ich die Platte meiner Plattenfirma vor, und ich konnte es förmlich riechen. ,, Oh, du hast keine Hits auf der Platte!“ Ich konnte die Enttäuschung in ihren Gesichtern lesen. Wenig später besuchte ich ein paar gute Freunde, die Queens Of The Stone Age. Josh beendete gerade seine neue Platte, und ganz ehrlich: Das war mit das Beste, was ich je gehört habe. Cool, dunkel, es klang, als seien die Boxen kaputt. Interessante Musik! Josh aber war schlecht drauf. Er sagte:

„Die Plattenfirma wünscht sich, ich würde noch mal rangehen, damit die Platte im Radio gespielt wird.“ Ich meine, Josh Homme hat nicht gerade erst angefangen, ich sicherlich auch nicht, und wir sind immer noch mitten in diesem Kampf von Kommerz gegen Kunst. Die Plattenfirmen haben Angst. Sie brauchen große Verkäufe. Alle meine Lieblingsbands aber machen völlig sperrige, herausfordernde Musik. Das tut man doch nicht, um berühmt oder reich zu sein. Das tut man, um etwas zu verändern. Selbst mir werden ja immer noch Steine in den Weg gelegt. (lacht) Inzwischen ist es eigentlich so: Würde ich merken, dass es seitens der Plattenfirma zu einfach wird, wüsste ich schon, dass etwas falsch läuft. Hast du die neue Platte gehört?

VISIONS:Ja, einmal. Eben gerade.

Reznor (zeigt auf die Anlage im Hotelzimmer) Auf dem Ding da? Das wird es nicht bringen.

VISIONS: Wie soll die Platte denn klingen? Sie scheint überraschend hart, dunkel, sperrig und regelrecht überladen an Ideen.

Reznor: Sie ist ja wie gesagt mehr eine Soundcollage. Viel Spielerei ist dabei. So etwas selbst zu erklären, ist schwierig. Die Platte ist sehr voll, sehr lang, es ist viel Musik drauf und ich denke, man muss sie schon ein paar Mal hören. Sie ist relativ aggressiv, tanzbar und man kann zu ihr ficken. Wenn man drauf steht.

VISIONS: Und wieder hast du alles alleine gemacht. Selbst beim End-Mix mit deinem lang jährigen Partner Alan Moulder hast du noch ganze Refrains umarrangiert. Bist du nicht doch der Perfektionist, zu dem man dich gern abstempelt?

Reznor: Ich weiß nicht. Es ist sicherlich so, dass ich dich nichts von mir hören lassen würde, ohne dass ich das Beste aus ihm rausgeholt hätte. Ich habe schon konkrete Vorstellungen, aber ich bin kein 100-Take-Mann. Nicht mal im Ansatz. Vieles auf dieser Platte geriet eher zufällig auf sie. Im ersten Take. Viele der Sachen, die ich mache, könnte ich dir nicht erklären. Ich denke, dass etwas Emotionales viel wichtiger ist als die richtige Technik oder Grammatik. Wenn es mich berührt oder das einfängt, was ich will, dann nehme ich es. Wenn es sich etwa so anfühlen soll wie „Furcht“ oder „Ekstase“ oder „Sorglosigkeit“ — dann schleiche ich um diese Gefühle herum, bis ich sie bekomme. Aber ich bin kein klinischer Perfektionist. Alles ist erlaubt und geht auch meistens sehr unbesorgt vonstatten. Es ist mir egal, ob etwas von einem Tape, über ein Handy oder sonst woher kommt, wenn es den Klang trifft.

VISIONS: Hat sich irgendetwas für dich in deiner Beziehung zu dem Song „Hort“ geändert, nach dem Johnny Cash ihn gecovert hat? Gespielt hast du ihn ja immer und immer wurde er feierlich begrüßt. Aber die Ruhe gestern Abend beim Konzert war schon etwas Besonderes.

Reznor: (grinst) Vielleicht ja. Vielleicht hat sich etwas verändert. Ich spiele das Lied, seit es gecovert wurde, live sogar noch ein wenig reduzierter. Einfach weil ich es noch ein wenig mehr respektiere. Durch die Coverversion wurde der Song von dort, wo er aufgewachsen ist, genommen und in ein anderes Leben gesetzt. In einer extrem würdevollen Art. Das war schon eine seltsame Erfahrung. Es war ja immer so bei mir und meiner Musik: (verschränkt die Arme) „Das ist meins!“ (lacht) Und nun nahm er mein Herz und machte es zu seinem. Der Song hat sich sicher verändert. Er ist jetzt woanders. Aber ihm zuzusehen, wie das mit ihm passierte, war ziemlich großartig für mich. (überlegt) „Hurt“ war schon immer ein extrem wichtiger Song für mich.

 

oben