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Metal Hammer

 

Dezember 1995

 

 

 

Autor: Wolf Kohl

 

 

 

Nine Inch Nails/David Bowie/Prick

East Rutherford, Brendan Byrne Arena

(Anmerkung des Seitenbetreibers: scheint das Konzert entweder vom 27. oder 28.09.1995 gewesen zu sein und z.B. NIN-Historian nennt eine andere Arena als der Autor des Berichtes.)

Ein merkwürdiges Billing. Freilich nur auf den ersten blick. Rock´N'Roll-Chamäleon David Bowie auf Tournee mit Industrial-Pop-Nihilist Trent Reznor (Opener in Europa: Morrissey, der Ozzy Osbourne der Mope-Rock Generation). Für den 29jährigen Nine Inch Nails-Frontmann ist der Anwärmgig für Bowies Outside-Tour die öffentliche Verbeugung vor dem knapp 49jährigen Musiker und dessen Einfluß auf seinen künstlerischen Werdeegang. Bowie-LPs der 70er Jahre, von SPACE ODDITY (1970) über die Weltraum-Odyssee von Bowies Alter Ego Ziggy Stardust auf THE RISE AND FALL OF ZIGGY STARDUST AND THE SPIDERS FROM MARS (1972) bis hin zu LODGER (1979), wiesen Reznor den Weg, aus Popmelodien, atonalen Geräuschen und apokalyptischen Weltschmerz NINs nihilistische, techno-industrielle Wut- und Angst-Songs zu kreieren. In deren Fans versucht Bowie mit dem US-Billing seine Eckzähne wie ein musikalischer Vampir hineinzustoßen, um die eigene Karriere mit frischem Blut Beziehungsweise mit einer jungen Fanbasis zu beleben. Denn über drei Viertel aller Fans sind an diesem Abend nur wegen NIN erschienen - und verlassen während des Bowies verquastem Set die 16.000 Sitze fassende Brendan Byrne Arena en masse (wie auch in anderen Städten).

Aber der Reihe nach. Pricks 30minütiger Opening-Gig beseitigt jeglichen Zweifel, dass Kevin McMahons Einmann-Stuioprojekt (Reznor ist Mitproduzent des selbsternannten Debütalbums) auch live seinen Mann stehen kann. Und wie. Eine zum Quintett aufgestockte Band. Glam Rock mit Gitarrenpower. Drumspeed im fünften Gang auf der Überholspur. McMahons kraftvolle Stimme. Eine vielschichtige, massive Soundstruktur voll mitreißender Pop Hooks. Klingt wie die Buzzcocks in einer Höllendisco. Stark. Geheimtip. Noch. Trent Reznor befindet sich auf dem (ersten) Höhepunkt seiner Karriere. (wenngleich er jedoch in der Gefahr schwebt, zu seiner eigenen Karikatur zu geraten). Der folgende, knapp einstündige Gig ist der überwältigende Beweis dafür. Mit je einem Drumset auf beiden Seiten der Bühne und vor einem grauen, schlichten Vorhang im Bühnenhintergrund stürzt sich Reznor mit der Todesverachtung eines Formel-1-Rennfahrers in den Opener ´Terrible Lie' (von PRETTY HATE MACHINE), gefolgt von Songs wie ´March Of The Pigs', ´Piggy' und ´The Becoming' (alle von THE DOWNWARD SPIRAL). Diverse Songs, wie ´Closer', präsentierte der in schwarzes Leder (inklusive schwarze Lederhandschuhe)  gekleidete NIN-Mann in einer neuarrangierten, auf das musikalische Skelett reduzierten Remix-Version, Das steigert die Intensität und legt die ihre Aussagekraft mit nackter Brutalität bloß. Plötzlich langgezogene, hypnotische Keyboardklänge. Dazu Filmprojektionen von einem Bienenschwarm, unterbrochen von blauen Meereswogen im Bühnenhintergrund. David Bowie taucht aus dem Dunkel auf und singt (unverständlich) einen mir unbekannten Song. Der unbestrittene Höhepunkt der Show folgt: Reznor singt zusammen mit Bowie dessen Klassiker ´Scary Monsters', gefolgt von dem lahmen Song ´Hello Spaceboy' (von Bowies aktueller CD OUTSIDE) welcher jedoch in NIN-Händen zu einem harten, scharfen Metalsong gerät, bevor Bowie zusammen mit Reznor, unterstützt von beiden, vereinten Bands mit insgesamt drei Drumsets(!), eine neu arrangierte Version des NIN-Songs ´Hurt' singt. Das ist Power. Total. Es folgt das nüchterne Erwachen.

Das bis dahin im fahlen dunkel gehaltene Scheinwerferlicht wird taghell. Reznor ist verschwunden. Bowie und seine Band stehen allein auf der Bühne und steigen nahtlos in sechs Songs vom aktuellen Album ein. Leider. OUTSIDE ist ein nicht uninteressantes, jedoch schwer zugängliches Werk über die fiktiven Tagebücher eines Detektivs gegen Ende des Milleniums. Genug gesagt? Dachte ich mir's… Das Ganze jedoch in einem knapp 80minütigen gig anhören zu müssen (unterbrochen von einigen alten Songs wie ´Look Back In Anger', ´Joe The Lion' oder ‚Andy Warhol') strapaziert meine Toleranzlevel für Bowies angestammten Platz in der Historie des Rock'N'Roll. Um der Wahrheit den Vorrang zu geben: Ich bleibe nur auf dem Klapphocker sitzen, wie sehr viele andere NewYorker auch, weil die Sonderbusse erst nach Beendigung des Konzertes wieder zurück nach Manhattan fahren.

Wolf Kohl

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