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Zillo

 

Februar 2000

 

 

 

Autor: Marcel Anders

 

 

Tilburg, 013, 99-11-28

 

Manchmal lohnt sich selbst die weiteste Anreise. Vor allem, wenn Nine lnch Nails für ihren einzigen NRW-Termin ausgerechnet das Düsseldorfer Stahlwerk buchen - eine alte Fabrikhalle, in der Mann/Frau wegen der niedrigen Bühne nichts sieht und wegen der schlechten Akustik noch weniger hört. Also lieber gleich ins holländische Tilburg fahren, wo Veranstalter und Band eine weitaus bessere Lokalität gewählt haben: Das 013, eine nagelneue Konzerthalle direkt im Zentrum des verschlafenen Studentenstädtchens. Auch die ist mit 4000 Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllt - nur fällt das kaum ins Gewicht: Durch die steil nach oben führenden Stufen und einen riesigen Balkon herrscht überall freie Sicht - und wen es direkt vor die Bühne zieht, der kann sich in einem breiten Moshpit austoben.

 

 Eine Option, die beim Support-Act Atari Teenage Riot allerdings nur bedingt wahrgenommen wird. Nicht, weil der Vortrag der Berliner Kultgruppe zu leise wäre, sondern weil er schlichtweg zu statisch wirkt. Die Musik kommt vom Band oder von den Turntables, der Gesang ist ein einziges Gekreische und die ständigen Parolen von Rebellion, Anarchie und Aufstand wirken auch eher platt.

 

Ganz anders Nine Inch Nails: Die inszenieren ein richtig großes Rock- Spektakel, das nicht nur von der Musik, sondern auch von der Optik und Theatralik lebt. Angefangen beim monumentalen lntro, einem riesigen Vorhang, der mit den ersten Akkorden von "Somewhat Damaged" fällt, und einer Bühne, die alles birgt, was schick und teuer ist: Kunstnebel, Laserlights, Stroboskop-Käfige, Drum- und Keyboard-Podeste und fünf wüste Figuren im militaristischen Einheitslook. Nicht so krass wie bei frühen Auftritten von Echo & The Bunnymen, die sich Anfang der 80er im Armee-Outfit präsentierten, aber doch mit einer Uniform-ähnlichen Kluft, die sich auch zum Kampfeinsatz eignen würde. Und dieser Eindruck ist wohlkalkuliert: Denn das, was NIN hier zelebrieren, ist ein musikalischer Blitzkrieg unter dem Deckmäntelchen eines konventionellen Konzerts - eine systematische Offensive gegen das zentrale Nervensystem des Publikums, das von der Vielzahl an audio-visuellen Reizen geradezu geplättet wird. Sei es durch den glasklaren Breitwand-Sound, zahlreiche Hightech-Effekte oder die Bühnenpräsenz von Reznor selbst. Der spielt zunächst nur akustische Gitarre, brüllt sich dazu die Seele aus dem Leib und verformt seine markanten Gesichtszüge zu einem hämischen Feixen.

 

Daß er in den letzten Jahren doch um einiges kompakter geworden ist, verleiht seiner Paraderolle als wütendes Energiebündel noch zusätzliche Durchschlagskraft. Auch, wenn er nicht besonders groß, geschweige denn kräftig ist: diesem haßerfüllten 35jährigen möchte man nicht auf offener Straße begegnen - schon gar nicht hei Nacht. Eine stage persona, die er über die Länge des gesamten Konzerts aufrecht hält. Den Fans gegenüber gibt er sich distanziert, die Band wird geschubst oder traktiert, und als er sich nach rund einer Stunde zum ersten Mal ein zaghaftes "thank you" abringt, ist das schon der Gipfel der Höflichkeit. Aber schließlich ist NIN ja kein konventioneller Rock-Act, sondern noch immer eine Industrial-Hand. Und obwohl das "Fragile" Repertoire diesen Anspruch mit einem hohen Maß an Musikalität und komplexen Arrangements transportiert, könnte der Gegensatz zwischen Album und Show kaum stärker sein. Hier und heute geht es nicht darum, ein monumentales Kunstwerk zu reproduzieren, sondern um Energie, Power und zwei Stunden abwechslungsreiche Unterhaltung. Angefangen beim ekstatischen Bühnen-Gebaren von Bassist/Keyhoarder Danny Lohner über einen ebenso hünenhaften wie tuntigen Gitarristen, der gerne stagedivt, bis hin zum geschickt gewählten Set, das nicht nur neue Stücke ("The Frail", "The Wretched", "No, You Don 't") umfaßt, sondern auch die Highlights der Jahre '91-94: "Terrible Lie", "Sin", "March Of The Pigs", "Reptile" und "Gave Up". Derweil Keyboarder Charlie Clouser und Drummer Jerome Dillon die unauffällige, aber zuverlässige Rhythmussektion bilden, steht Trent stets im Mittelpunkt des Geschehens: Seine Ausstrahlung ist pures Charisma, sein Vortrag gebündeltes Selbstbewußtsein. Eine Mischung, vor der es kein Entkommen gibt. Zumal er auch dramaturgische Maßstäbe setzt. Etwa durch ein Zwischenspiel mit drei Instrumentalstücken - "La Mer", "The Great Below" und "The Way Out Is Through", die er hinter einer flächendeckenden Leinwand intoniert, auf der sphärische Bilder von Amöben, Wellen und liquiden Zellen flimmern. Die Residents lassen Grüßen. Doch kaum hat man sich auf die melancholischen Klanggemälde eingelassen, folgt ein regelrechter Dampfhammer: "Wish" (von "Broken"), die erste Single "Down In lt' und die '91er Hymne "Head Like A Hole". Daß die euphorische Masse mehr von diesen Adrenalin Kicks haben will, versteht sich von selbst. Und Reznor legt im Zugabenblock nur zu gerne nach: zunächst das poppige "Day The World Went Away", dann "Starfuckers Inc' und schließlich noch "Closer" und "Hurt". Ein großartiges Finale, das nur zwei Songs ausspart: "The Perfect Drug" aus dem '97er David Lynch-Film "Lost Highway" sowie die Hit-Single "We're In This Together Now". Warum, bleibt sein Geheimnis. Aber wer weiß: Vielleicht sind sie im Sommer ja wieder dabei. Dann nämlich will Trent zumindest ein großes deutsches Open Air bestreiten.

 

Marcel Anders

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