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Jahr 1996

 

Zillo

 

November 1996

 

Nine Inch Nails - Retrospektive

 

Autor: Volker Gebhardt

 

 

 

 Wenn Eric Draven (Brandon Lee) in dem düsteren Fantasy-Thriller "The Crow" bei strömendem Regen über den Dächern einer Großstadt der Krähe folgt, wird der Zuschauer auf die angenehmste Weise an Joy Division erinnert, denn parallel zur Handlung wird eine brillante Coverversion von "Dead Souls" gespielt. Diese ist dem Original in seiner Intensität beinahe überlegen und in den einschlägigen In die-Discos längst zu einem Tanzflächenfüller avanciert. Verantwortlich für diese gelungene Adaption zeichnet sich Trent Reznor, Kopf der US-Industrial-Band Nine Inch Nails, die inzwischen zu einem der angesagtesten Acts in den Staaten geworden ist.

 Geboren 1965 in Mercer, einer winzigen Stadt in der Nähe von Pittsburgh, wächst Michael Trent Reznor im Anschluss an die Scheidung seiner Eltern bei seinen Großeltern auf. "Meine Lebenserfahrung zog ich aus Filmen, Büchern und Magazinen", erzählt er dem ´Rolling Stone Magazine' über das triste Leben in Mercer. Im Alter von fünf Jahren beginnt er Piano zu lernen und nimmt später Saxophon- und Tuba-Unterricht. Als der von Science-Fiction begeisterter Reznor die Gruppe Kiss entdeckt, steigt sein großes Interesse für Rockmusik weiter an. Im Jahre 1984 entscheidet sich Reznor, nach dem er bereits ein Studium für Computer/Maschinenbau begonnen hat, für seine Leidenschaft Musik und zieht nach Cleveland, Ohio. Dort lebt er zusammen mit seinem Freund und späteren Schlagzeuger von NIN, Chris Vrenna. In den Right Track Recording Studios in Cleveland findet Reznor einen Job und gewinnt schnell das Vertrauen des Studio Bosses, der ihm erlaubt, nach der Arbeit zu bleiben und die Möglichkeiten des Studios zu nutzen.

 Hier nimmt Reznor nachts im Alleingang das erste Nails-Album "Pretty Hate Machine" auf. "Obwohl ich das Album heute noch mag, ist "Pretty Hate Machine" eine sehr naive Platte, viel offensichtlicher als alles, was ich danach gemacht habe", resümiert Reznor über das Erstlingswerk, das unter anderem von so bekannten Größen wie Flood, der bereits Depeche Mode und U2 auf die Sprünge half, produziert wurde. Im Herbst 1989 veröffentlicht, wurde das Album eine Million mal verkauft und hielt sich mehr als 90 Wochen in den amerikanischen Billboard-Verkaufscharts. Als Inspiration für die Ideen und Sounds gab Reznor damals unter anderem den Horror Regisseur Clive Baker ("Hellraiser"), Janes Addiction und Prince an. Nach der der Veröffentlichung ihres Debüts waren die Nails dann fortan kontinuierlich auf Tour und zogen das Publikum mit ihrer brachialen, außergewöhnlichen Live-Show in den Bann. Schon sehr früh war jedes ihrer Konzerte ausverkauft.

 Die langerwartete nächste Veröffentlichung, die EP "Broken", erschien im September 1992 und markiert die nächste Phase von Nine Inch Nails. Im Gegensatz zu dem Album "Pretty Hate Machine", das vollständig am Computer entstand, experimentierte Reznor hier mit Gitarren.

Zunächst fühlten sich seine Fans - nicht zuletzt von der Aggressivität, die sich durch "Broken" wie ein roter Faden zieht - wie vor den Kopf geschlagen. Doch schon nach kurzer Zeit hatten sie den Schock vergessen und einen hohen Begriff von dem neuen Material. Als Bonus-Tracks sind auf "Broken" die Stücke "Suck", das Reznor zusammen mit der Gruppe "Pigface" aufnahm, und die Coverversion von "Physical (You're So)", im Original von Adam And The Ants, enthalten. Reznor erhielt für diese Platte, die er in einer für ihn schlimmen Zeit seines Lebens aufnahm, einen Grammy in der Sparte "beste Metal-Band". Sie ist Reznors wütendes Statement gegen die gängigen Marktmechanismen der Musikindustrie, speziell gegen die damalige Plattenfirma der Nails, TVT Records.

 Inzwischen hat TVT den Besitzer gewechselt und Reznor sein eigenes Plattenlabel namens "Nothing" gegründet. Noch im selben Jahr erschien die EP "Fixed", die wechselvolle Interpretationen einiger Songs der "Broken"-EP enthält; so zum Beispiel wurde "Gave Up" von Coil remixt. Einmal mehr in die öffentliche Diskussion über Kunstverständnis und guten Geschmack brachten Nine Inch Nails ihre Video-Clips zu "Happiness In Slavery" und "Gave Up", da sie Gewalt in schonungsloser Form darstellen und in diesem Punkt mit harten Splatter-Movies konkurrieren könnten. Ersterer wurde von der britischen Filmzensur-Behörde verboten.

 Ein Jahr lang kapselte sich Reznor von der Außenwelt ab und arbeitete unbeirrt, diesmal wieder am Computer, an einem neuen Album im Studio "Le Pig" in Los Angeles. Dieses hatte er bereits vor Jahren in dem Haus eingerichtet, in dem 1969 die Filmschauspielerin Sharon Tate und vier ihrer Gäste auf bestialische Art und Weise ums Leben gebracht wurden. Was dazu führte, dass einige Leute dachten, Reznor wäre fasziniert von Serien-Killern, was nicht der Fall ist, wie er später offen erklärt. Reznor kaufte das Haus, so beteuert er, ohne etwas von der Vorgeschichte gewusst zu haben. "Er hat kein Schamgefühl, und er weiß nicht, wann ein Scherz zu weit geht", schimpfte Al Jourgensen von Ministry erst kürzlich im "Spiegel" über Reznor.

 Der jedenfalls strapazierte die Sequenzer und die Gitarren im "Le Pig" bis aufs äußerste. Das Resultat, das 1994 erschienene Konzeptalbum "The Downward Spiral", ist dabei mehr als ansehnlich und noch weiter vom Mainstream entfernt als die bisherigen NIN-Veröffentlichungen. "Ich wollte die Geschichte einer Person schreiben, die ihre derzeitige Situation analysiert, das, was sie erreicht hat, ihre Beziehung zu anderen Menschen, Sex, Drogen, Religion. Es war mir von vorneherein klar, dass es keine fröhliche Platte werden würde", kommentiert Reznor, die Entstehung des Konzeptalbums. "The Downward Spiral" ist NINs bisher erfolgreichste Produktion, die in den amerikanischen Billboard-Charts sogleich auf Platz zwei einstieg und unlängst mit Platin ausgezeichnet wurde, ein Album das in der Industrial-Rock-Landschaft seinesgleichen sucht und die Meßlatte für Bands wie Ministry weiter nach oben verschoben hat.

 "I want to break it up" schreit Reznor, der wie man es von ihm gewohnt ist, Latexhandschuhe und Netzstrümpfe an den Armen trägt, mit wütendem Gesichtsausdruck. Dabei springt und stolpert er zwischen seinen Musikern hin und her und reißt dabei beinahe den Gitarristen Robin Finck zu Boden. In seiner Aggression versunken, wirft er den Mikroständer um und lässt das Mikro anschließend achtlos auf den Boden fallen. Begleitet von angenehmen Klavierklängen haucht Reznor "the pigs can sleep soundly" in das Mikro und lässt den Video-Clip, den die Nails zur Singleauskopplung "March Of The Pigs", in einer Live-Version aufgenommen haben, mit viel Gefühl ausklingen. Reznor wirkt dabei am Ende so als hätte sich seine Person in Dr. Jekyll zurück gewandelt, die noch Sekungen vorher Aggression und Wut so glaubhaft personifizierte, dass sie Mr. Hyde zu sein schien. Die zweite Singleauskopplung "Closer" entwickelte sich hierzulande aufgrund ihrer Beliebtheit zu einer Art Aushängeschild für NIN. Auch in dem Thriller "Seven" mit Brad Pitt ist die Titelzeile "You get me closer to god" zu hören. Auf ihrer "Downward Spiral"-Tour, die sie monatelang meist quer durch die Staaten führte, begeisterten Reznor und seine Live-Mannschaft, diesmal bestehend aus Robin Finck (Gitarre), Danny Lohner (Gitarre), Chris Vrenna (Schlagzeug) und James Wolley (Keyboards), erneut die Massen. Bei ihrem spektakulären Auftritt beim Woodstock 2-Festival am 13. August 94 in Saugerties kamen die fünf vollständig mit Schlamm bedeckt auf die Bühne (Reznor:"I've got mud in my f***ing eyes") und räumten im wahrsten Sinne des Wortes ab. Bei den letzten zwei Songs schlug Reznor mit Hilfe eines Mikroständers zwei Keyboards in kleine Teile, schleuderte am Ende des Gigs seine Gitarre weit von sich und machte diesen Event nicht zuletzt dadurch unvergessen. Selbst die "Tagesthemen" waren sich nicht zu schade und zeigten einen kurzen Ausschnitt des Konzerts mit den schlammbesudelten Nails, von dem inzwischen einige CD-Bootlegs erschienen sind.

 Ähnlich wie schon bei "Fixed" finden sich auch auf dem 1995 erschienenen Album "Further Down The Spiral", das in zwei Versionen erhältlich ist, neue Bearbeitungen einiger Stücke, wie "Piggy", "Hersey" und "Hurt" von dem Studioalbum "The Downward Spiral". Diesmal sind für das neue Gewand der Songs unter anderem Aphex Twin, Drew Mc Dowall von Coil und selbstverständlich Reznor, der inzwischen in die Playgirls "Sexiest Men of the year"-Top-10 gewählt wurde, verantwortlich.

 Auch David Bowie zeigte sich von den Nails beeindruckt und äußerte gegenüber dem ´Rolling Stone', dass "Nine Inch Nails eine Ikone der 90er Jahre sind". Er beauftragte Reznor mit einem Remix für die erste Single-Auskopplung "The Hearts Filthy Lesson" aus seinem aktuellen Album. Auf seine 95er "Outside"-Tour in den Staaten nahm Bowie die Nails als Support-Act mit, wo sie einigen Konzertberichten zufolge wesentlich erfolgreicher gewesen sind als der Meister selbst.

 Neben seiner Beschäftigung als Mastermind von NIN  ist Trent Reznor inzwischen auch ein gefragter und vielbeschäftigter Produzent. So produzierte er für den bekannten Hollywood-Regisseur Oliver Stone (Platoon) 1994 den Soundtrack zu dessen umstrittenen Film "Natural Born Killers" mit Woody Harrelson und Juliette Lewis in den Hauptrollen. Reznor fügte zwischen die einzelnen Songs von u.a. Leonard Cohen, Bob Dylan, L7 und NIN selbst Dialoge aus dem Film ein und stellte damit eine Verbindung zur Handlung her. Von den Nails sind auf dem Album die beiden ruhigeren Stücke "Something I Can Never Have", "A Warm Place" und das explosive "Burn" enthalten, das Reznor exklusiv für den Film geschrieben hat. Als ausführender Produzent war Reznor auch für die exzentrische US-Band Marilyn Manson tätig, die hierzulande vor kurzem ihr Remix-Album "Smells Like Children" veröffentlichte und NIN bereits als Vorgruppe auf ihrer "Downward Spiral"-Tour begleitete. Mit einem Remix betätigte sich Reznor unlängst auch für die Kollegen von KMFDM . Seine "Fat Back Dub"-Version von "Light" sucht dabei aus den verschiedenen Remixes von "Light", die allesamt auf einer gleichnamigen Single von KMFDM versammelt sind, deutlich hervor und lässt einen NIN-eigen Song vermuten. In ungewohnte Gefilde begab sich Reznor für Tori Amos und steuerte zu ihrem wunderschönen Song "Past The Mission" auf dem Album "Under the Pink" (1994) Gast-Vocals bei.

 "I'd rather die than give you control", eine Textzeile aus "Head Like A Hole", kann wohl stellvertretend für die Lebensphilosophie von Reznor angewandt werden, der alle Fäden bei NIN fest in der Hand hat und seine Vorstellungen unbeeinflusst von Mainstream-Tauglichkeit verwirklicht, dabei Erstaunliches zu Tage fördert und den Erfolg auf seiner Seite hat.

 Als Produzent ist Reznor derzeit erneut für Marilyn Manson tätig gewesen, die gerade ihr drittes Album "Antichrist Superstar" aufgenommen haben, und komponiert angeblich auch die Musik zum Rekorde brechenden Computerspiel "Quake", dem Nachfolger des legendären "Doom".

 Nach den letzten Informationen arbeitet Trent Reznor zur Zeit in seinem Haus in New Orleans an neuem Nine-Inch-Nails- Material, das allerdings wohl erst im nächsten Jahr veröffentlicht wird. Angeblich soll er zwischenzeitlich auch mit seinem Freund Axl Rose zusammengearbeitet haben?! Man kann also mit Recht gespannt sein.

 Volker Gebhart

 Diskografie:

 DOWN IN IT, Single, 1989

PRETTY HATE MACHINE, Album, 1989

HEAD LIKE A HOLE, Single, 1990

SIN, Single, 1990

BROKEN, EP, 1992

FIXED, EP 1992

MARCH OF THE PIGS, Single/EP, 1994

THE DOWNWARD SPIRAL, Album, 1994

CLOSER, Single, 1994

CLOSER TO GOD, Single, 1994

PIGGY, US-Single, 1995

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