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Jahr 1998

 

Orkus

 

April 1998

 

Nine Inch Nails - Trent Reznor

 

Autor: William Ferguson

©Alternative Press/Cleveland, USA

Übersetzung: Anja Strecker, Thomas Sonder

Photographien: Marina Chavez

 

 "Wenn ich mich nicht komplett ändere…", Trent Reznors Stimme verliert sich. Er starrt ins Leere, sucht nach dem richtigen Ausdruck… dem richtigen Ausdruck… um zu sagen, was er empfindet, wie er fühlt. "Wenn ich mich nicht verändere… dann werde ich nicht in der Lage sein…". Er fällt in einen Dämmerzustand und sinkt tiefer in das Sofa. Weiter kommt er mit dem Gedanken nicht.

 Heute morgen wachte Reznor chemisch benebelt auf. In der Nacht davor hat er ein paar Tylenol-PM eingeworfen, die mit 25 Milligramm Dipehnhydramin pro Kapsel Schlafprobleme verhindern - ungefähr so, wie ein Schlag mit dem Baseballschläger auf den Schädel beim Einschlafen hilft. Es ist ja nicht so, dass er heut noch Traktor fahren muss, aber aus irgendeinem Grund hat er dem Interview zugestimmt.

Er nimmt einen neuen Anlauf, um seine Gedanken zu beschreiben. "Ich habe immer geglaubt, dass es mich retten würde, Musik zu machen und ein Rockstar zu sein; dass es mir so etwas geben würde…"…

Wenn Reznor spricht, klingt seine Stimme zielbewusst und höflich, und sie erinnert an Donald Sutherland in der Volvo-Werbung. Es ist ein ruhiger Sonntagnachmittag in New Orleans, und Reznor nimmt sich von den Aufnahmen für das neue Album einen Tag frei. Er hat entschieden, das Interview in seinem Wohnzimmer zu führen, während er auf seiner Ledercouch liegt und an die Decke starrt. Diese therapie-ähnliche Situation passt ganz gut. Wahrscheinlich inszeniert er sich auch nur, um die Dramatik zu steigern; vielleicht hat auch das Diphenhydramin seinen Sinn für Syntax benebelt; in der Dauer seiner Sprechpausen könnte man jedoch einen LKW einparken.

 …"… wie eine Begründung", beendet er den Satz.

 Fast vier Jahre sind seit der letzten Fulltime-Veröffentlichung mit neuem Material von Nine Inch Nails vergangen. "The Downward Spiral" war eine verzweifelte Hymne an Suizid und Selbsthass. Die Musik war brutal, strukturiert und kein bisschen kommerziell. Der einzige Song, der im Radio gespielt wurde, hatte den Chorus "I want to fuck you like an animal". Das Album war ein Riesenerfolg. Reznor sagt, die Aufnahmen zu "Spiral" "…saugten mir den letzten Rest von Leben aus." Im Moment ist er mit einem neuen Album vollauf beschäftigt. Ein neues Nine Inch Nails-Album kommt dann heraus, wenn dieses Projekt vollendet ist. Sein Tonfall verrät, dass weitere Versuche, ihn auf etwas festzunageln, sinnlos wären. Der derzeitige Titel lautet "The Fragile", und er hofft auf eine baldige Veröffentlichung. "Ich finde, was ich fabriziert habe, ist das beste seit langer, langer, langer Zeit", sagt er gelassen. "Es wird die Leute verwirren, denn es bricht mit dem traditionellen Nine Inch Nails-Image". Mit weiteren Aussagen hält er sich zurück und legt heute mal keine Demo-Kassette ein. "Stell dir die lächerlichste Musik überhaupt vor… mit Kinderreimen unterlegt…". Er deutet an, dass er "80 Songs im Kopf" hat, sie aber nicht zu Ende komponiert. "Die Inspiration zu diesem Album gaben mir die Dinge… die eine Gänsehaut verursachen, einem kalt den Rücken herunterlaufen", fügt er hinzu, genau wissend, dass diese Beschreibung einem auch nicht viel weiterhilft. "Möglicherweise ist das neue Album das genaue Gegenteil von ´The Downward Spiral'. Ein bunter Strauß…" - er unterbricht sich selbst, nicht ganz zufrieden mit seiner Wortwahl - "… Popsongs".

 Da Reznor im wesentlichen das einzige Mitglied von Nine Inch Nails ist, ist er der einzige, dem es bewusst ist, wie lange alles dauert. "Ich bewundere diese kreativen Künstler", sagt er mit lauterwerdender Stimme, "und das meine ich verdammt sarkastisch." Er wirkt angeekelt. "So wie…", er rotzt verächtlich den Namen einer MTV-Ikone hin. Der Name ist nicht wichtig; er steht lediglich für all das, was Reznor für sicht selbst nicht will. In dem Moment steht seine Managerin in der Tür. "Braucht jemand irgendetwas?" fragt sie. Es ist zweifellos kein Zufall, dass sie gerade in dem Moment auftaucht, als sich Reznor abfällig über den Popstar äußert. Sie hat ein gutes Timing. Reznor ist eben notorisch und undiplomatisch, was die Bewertung seiner Kollegen betrifft. Eine Veröffentlichung von Nine Inch Nails hat die Seltenheit eine Kometen, und kein Manager will deren Anfänge sofort im Keim ersticken. Er nickt zustimmen, wie der Schüler gegenüber seiner Lieblingslehrerin. "Wir haben alles was wir brauchen", antwortet er höflich. Während sie zum Pool zurückkehrt, führt er seinen Gedanken zu Ende. "Das Songwriting verlief etwas unbestimmter als früher".

 Es ist nicht so, dass sich Reznor die letzten vier Jahre in seinem Landhaus verkrochen  und Nine Inch Nails-Videos auf seinem riesigen TV-Bildschirm angesehen hätte. Seit "The Downward Spiral" hat er sein Image untermauert, indem er wie Zorro - Touché - aus dem Dickicht heraussprang und uns einen neuen, heftigen Song wie "The Perfect Drug" beschert hat, bevor er sich wieder in sein Versteck verkroch. Er hat sich mit der Produktion von Soundtracks ("Natural Born Killers", "The Lost Highway") und anderen Bands (Marilyn Manson) beschäftigt. Sein neuestes Vorhaben ist ein Remake von David Bowie's "I'm afraid of Americans".

 Er weiß, dass seine Verbindung zu David Bowie einigen Fans etwas seltsam vorkommt. Als Nine Inch Nails 1995 zusammen mit David Bowie auf Tour waren, wurde Reznor vorgeworfen, seinen Erfolg auf etwas Vergangenem aufzubauen. Auf lange Sicht gesehen, war es jedoch weitsichtig von Reznor, Nine Inch Nails mit einer Legende zu verbinden und sich damit vom Klischee des heutigen Industrial Rock zu distanzieren. Besser noch: er konnte jede Nacht backstage viel von seinem Vorbild lernen.

 "Ich habe auf der Tour mit ihm eine Menge dazugelernt. Tatsache ist, dass mich Bowie beeindruckt hat. Er hat sich immer wieder neu offenbart - es ist ein gewagtes Unterfangen, immer mit der Gefahr des Misserfolgs zu rechnen. Mit ihm abzuhängen und ihn so zu erleben - er ist so alt wie mein Vater, sogar im gleichen Monat geboren - Wenn du jemanden wie ihn triffst, der eine wirklich harte Zeit erlebt hat, aus der der Großteil der Musik stammt, die mir wichtig ist, z.B. "Low", "Lodger", "Heroes" usw… Aber er hat es überstanden und etwas Herausragendes geschaffen".

 Reznor war für die Dreharbeiten zum Video "I'm afraid of Americans" in New York. Zwei Tage verbrachte er damit, an der Lower East Side für die Kamera herumzurennen und den Bedrohten zu spielen. Er ist der Amerikaner, vor dem Bowie Angst hat. Er fand die Zeit in Manhattan gut und sucht dort eine Bleibe. Zur Zeit ist allerdings New Orleans sein Zuhause, was für ihn ein ungewöhnlicher Zustand ist: in den letzten zehn Jahren hat er nämlich nie länger als sechs Monate an einem Ort gewohnt. Zum ersten Mal seit 32 Jahren wohnt er nicht zur Miete.

 Sein Landsitz befindet sich zwei Meilen oberhalb des französischen Viertels. Sein Nachbar ist Stadtratsmitglied von New Orleans; Anne Rice wohnt ein paar Straßen weiter. Jedesmal, wenn die Touristenbusse vor Reznors Haus einen Stop einlegen, weist der Fremdenführer auf den architektonischen Stil (Griechische Neuzeit) und auf das Baujahr (etwa 1850) dieses Bauwerks hin. Die Gaslichter leuchten die ganze Zeit, selbst Sonntag nachmittags.

 Das Haus ist für eine Person eigentlich zu groß. Wer immer es auch erbaut hat, hat an eine große Familie sowie ein paar Hausangestellte gedacht. Als Reznor es gekauft hat, war es in  einem "schrecklich heruntergekommenen Zustand" und in ein Zweifamiliengaus aufgeteilt. Er riß die Trennwände heraus. Aus Rücksicht auf die Frau nebenan aus dem Stadtrat, hat er schalldämpfende und doppelverglaste Fenster eingebaut. Reznor mag die Gaslichter, auch wenn er sich fragt, wann sie wohl das Haus abfackeln werden.

 Obwohl im neuen Album keine Anspielung auf Crescent City - weder Blues noch Waschbrett - vorkommen, ist offenkundig, dass ihn seine Umgebung beeinflusst. Reznor spricht über Gänsehaut. Er bemüht sich um Atmosphäre.

 "Ich habe das Konzert von Erykah Badu gesehen. Es war ein Tritt in den Arsch", sagt er. Er stützt sich auf seine Ellenbogen. "Ausschließlich Schwarze im Publikum; ich war da der einzige Weiße. Und jeder einzelne konnte die Texte mitsingen. Ich habe so etwas, glaube ich, noch nie erlebt…"

"Es hatte so eine Spiritualität, eine Art von Zusammengehörigkeit - wie ich das als Außenstehender sehe - , das versuche ich auch zu erreichen. Das ist eines der Dinge, die man nicht unbedingt leicht als eine gute Sache erkennen kann".

 Ihm fällt es schwer zu erklären, wonach er strebt, und es ist nicht weniger frustrierend für ihn, es zu verwirklichen. Auf Vorschlag seines Produzenten Rick Rubin hat Reznor seine Sachen gepackt und ist für einen Monat nach Big Sur, Kalifornien, gefahren. "Ein weiterer Umstand, der wahrscheinlich die Arbeit verlangsamt hat", meint er, "für diejenigen, die Ergebnisse erwarten". "Der Gedanke, der dahinterstand, nach Big Sur zu gehen, war es, Songs auf dem Klavier zu schreiben, ganz anders, als ich es in der Vergangenheit getan habe, als jedes Stück mit einem Loop oder einer Bassline beginnen musste. So wollte ich verhindern, zu einer Karikatur meiner Selbst zu werden".

 Das war eine noble Idee, aber Reznor hat schnell erkannt, dass dies einem Desaster gleichkam. "Die Zeit dort war die Hölle", beschreibt er eine der schönsten Küstenlandschaften der Welt. "Das einzige, was dich über Wasser hält, ist der Gedanke daran, wie schön es wäre, ein Wochenende mit deiner Freundin hier zu verbringen. Wenn dich jedoch die völlige Einsamkeit überfällt, wäre es schön, die 5000 Sterne am Himmel mit jemandem zusammen zu betrachten. Das - und dazu noch die Tatsache, dass man an einem 300 Fuß hohen, steil abfallenden Felsen steht".

 Ein paar Ideen sind allerdings während des Monats in Big Sur entstanden, meint er. Aber das Wichtigste war, dass er an seinem Entschluß festgehalten hat, nicht mit einem Computer zu arbeiten.

 "Alles, woran ich jetzt arbeite, wurde auf Gitarren oder Keyboards gemacht, die nicht richtig funktionierten. Dadurch entstand diese unbestimmte… Atmosphäre. Es ist eher der Musiker in mir, der etwas über die Feinheiten dazulernt, die das richtige Gefühl vermitteln. Ich habe immer geglaubt, dass x+y+z=…". Reznor erklärt, dass alle fertiggestellten analogen Musikstücke das Ergebnis von x+y+z sind; das sind die Möglichkeiten eines Drum-Computers.

 Vielleicht liegt es an der Pseudo-Psychoanalyse-Couch, dass er im Grunde mit sich selbst redet, so, als würde er im Flüsterton seine Versäumnisse aufzählen. "Und wenn ich meine Texte im nachhinein betrachte, stelle ich fest, dass jeder Song mit ´Ich' beginnt." Er hält einen Moment inne. "Yeah", fährt er fort. "Die letzte Zeit war hart für mich". Nach einigen Anläufen eröffnet Reznor, dass seine Großmutter, bei der er aufgewachsen ist, mit 85 Jahren gestorben ist. "Ich habe sie sterben sehen", sagt er mit grimmiger Bitterkeit. Er starrt fast eine Minute lang an die Decke und sagt dann: "That sucked".

 Er legt seine Arme um seinen Körper. Sein Kinn zittert. Der einzig hörbare Laut im Zimmer ist sein Schlucken. Ein bewegender Moment.

Eine der Kritiken, die Reznor als öffentliche Person hinzunehmen hatte, war, dass alles, was er macht, nur gespielt sei. Wenn man bekannt ist als gequälte Seele, gibt es immer Leute, die die Glaubhaftigkeit anzweifeln. Es wird unterstellt, dass es eine Strategie wäre, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und tatsächlich wurde Reznor nach Woodstock II in Interviews gefragt, ob der Auftritt von Nine Inch Nails, mit Dreck beschmiert, sorgfältig vorbereitet war. Was glauben die Leute, wie Reznor drauf ist? Dass er, sobald er irgendwo Schlamm sieht, sofort erkennt: ich muss mich nur einschmieren um dreifach Platin zu erhalten.

 Zurück nach New Orleans - hat sein Kinn wirklich gezittert? Ja. War es nur gespielt? Ist er wirklich so verloren? Statt eine Antwort darauf zu suchen, fragt Euch selbst: falls Trent Reznor in den letzten zehn Jahren ununterbrochen und konstant seine Angst nur gespielt hat - jedesmal, wenn er auf der Bühne, im Fernsehen, in einem Video, einem Interview, in jedem seiner Songtexte - , wenn er also jedesmal versteckt hätte, was für ein witziger und lustiger Typ er ist, würde es ihm dann nicht genauso schlecht gehen?

 Er starrt mit glasigem Blick vor sich hin, unrasiert und bleich. "Sieh jemandem beim Sterben zu. Es ist keine saubere, perfekte Sache" - er schließt friedlich die Augen - "wie es einem immer erzählt wird. Es ist der Horror".

Die Frage ist berechtigt, ob sich Reznor in New Orleans isoliert fühlt. Anders als in Los Angeles oder Cleveland, seinen letzten Stationen auf dem Weg, ein Zuhause zu finden, hat er in sein Haus in New Orleans viel investiert. Zusätzlich zum Haus hat er auch ein Aufnahmestudio, das auf dem neusten, technischen Stand ist, eingerichtet. Er hat über eine Million Dollar in diesen Platz gesteckt, an dem er sich niedergelassen hat, weil er ihm auf der Durchreise während einer Tour so gut gefallen hat. Die hat ihn als eine Art Lokalmatador angenommen: die Sonntagsausgabe der Lokalzeitung hat am Tag seines Einzugs ein Foto von Reznors Haus auf Seite 1 gebracht.

 Jede Stadt in Amerika hat mindestens einen Gothic-Club. In New Orleans ist es das Blue Crystal. Wenn eine Band  wie The Cure in der Stadt ist, gibt  das Blue Crystal nach dem Auftritt eine Party. Der Club hat Reznor zur Cure-Aftershow-Party eingeladen, da es am naheliegensten war, ihn als stadteigenen Promineten dazuzubitten. Beim weiteren Gespräch stellte sich jedoch heraus, dass Cure sich nur zeigen würden, wenn Reznor auch anwesend ist. Man kann es zwar aus der Musik von Nine Inch Nails nicht heraushören, aber Reznor ist seit jeher ein Fan von The Cure. Für ihn ist "The Head on the Door" "… eine der besten Scheiben, die jemals erschienen ist". Er sieht sich selbst am liebsten als: "Robert Smith with a head cold".

 "Am Ende bin ich in den Club gegangen, und überraschenderweise waren alle Bandmitglieder von The Cure da. Der Barmann hat mich herübergerufen und gesagt: `Robert würde dich gerne kennenlernen'". Reznor lächelt und mach ein Gesicht, als ob er sagen wollte: du glaubst, ich muss mein Jugendidol in einem Club in Lousiana treffen? Jetzt? Vor all diesen Leuten?

"Am Ende lagen er und ich uns auf der Tanzfläche in den Armen. Es war so, als ob er sagen wurde `Ich liebe dich, Stadtmensch' und ich `Ich liebe dich auch, Mann'". Die Cure-Fans haben im Kreis drumherum getanzt, und aus den Lautsprechern kam "Blue Monday" von New Order. "Das war das Größte". "Wir waren beide ziemlich distanziert", meint er hinzufügen zu müssen. "New Orleans ist so dekadent und lächerlich - das ist mir als erstes aufgefallen. Das genaue Gegenteil von Pennsylvania, das ich unbedingt verlassen wollte".

 Wahrlich, New Orleans ist kulturell gesehen, weit von der "Deer Hunter"-Landscahft entfernt, in der Reznor aufgewachsen ist.(Mercer Pennsylvania, ist hauptsächlich als Autobahnkreuz zwischen den Interstates 79 und 80 erwähnenswert). Vielleicht ist es genau das, was er braucht. Wenn er feststellt, dass seine "gesamte Entwicklung die Leute in meiner Umgebung eliminiert hat, dass alles… auf eine Person reduziert wurde" - wenn er einen Ort wie Big Sur "höllisch" finden kann, wie lange kann er dann noch in einem Sumpf leben?

 Seine Isolation ist nicht ausschließlich geographischer Art. Obwohl Nine Inch Nails immer Reznors eigenes Projekt war, haben viele langjährige Mitglieder die Band verlassen. Und obwohl der schon früher einmal gegangen war, ist Chris Vrenna, der damals in Cleveland mit Reznor zusammen gelernt hat, wie man einen Sampler bedient, nicht mehr im NIN-Lager. Reznor mach eine vage Anspielung auf Vrennas Weggang.

 "Ich habe die Vorstellung von Nine Inch Nails als Gemeinschaftsprojekt aufgegeben". Er überlegt einen Moment. "Und seit kürzlich einige Freunde gegangen, und mir Inspiration für die neuen Stücke gekommen sind, geht's mir gut".

 Reznors Managerin erscheint wieder auf der Bildfläche. Sie will sehen, wie er mit dem Interview zurechtkommt. Schon fertig? Alles in Ordnung? Alles in Ordnung, sagt er.

 "Über wen sprecht ihr?" fragt sie und zählt die Liste verbotener Themen auf: "Bush, R.E.M. und Prince". Überzeugt davon, dass er sich daran hält, geht sie wieder. Reznor richtet sich auf und sagt mit lauter Stimme: "Um noch mal darauf zurückzukommen, Courtney hat…".

 Die Managerin kommt wieder zurück ins Zimmer. "Hast du sie auf dem Titelblatt von US gesehen?", zum ersten Mal an diesem Tag hebt er seine Stimme. "Was zum Teufel war das?", fragt er. Eine kurze Unterhaltung über Courtney Love und ihren neuen California-Look kommt auf.

Was Brite in ihrer Courtney-Biographie über ihn schrieb, ist "100%ig falsch". Die Managerin sagt, sie denkt, dass das sehr traurig ist, und geht. An der Tür hält sie inne, und dreht sich noch einmal um. "Trotzdem, diese Namen, die gerade erwähnt wurden, haben wir natürlich nicht erwähnt".

 Reznor erhebt sich, um mich durch das Haus zu führen. Die Einrichtung ist genau so, wie man es von einem Junggesellen mit einem Hang zur Selbstzerstörung, der mit Industrial Rock Millionen gemacht hat, erwartet. Im Foyer steht eine Büste von Mephistopholes, um deren Hals Reznors Grammy an einem Band baumelt. Im Fuß des Kerzenleuchters schwimmt ein Goldfisch..

 Wie viele Räume? "Gute Frage". Oben am Treppenabsatz befindet sich ein sonnendurchfluteter Winkel. "Dort kommt das Cembalo hin". Sein Schlafzimmer ist dunkel und imposant, dominiert von einem mittelalterlich wirkenden Himmelbett. Vor den Fenstern hängen dicke Samtvorhänge, die die Nachmittagssonne abhalten. Die Frau in seinem Bett winkt schüchtern rüber. Er schlendert durch einen kleinen Raum im Anschluss an das Schlafzimmer. "Dies wird das Zimmer für das Baby". Moment. Meint er das ernst? Aber er ist schon wieder draußen und steht an der Tür zum Badezimmer. "Ich geb's zu, es ist dekadent. Aber wir mussten ein ganz neues Badzimmer einbauen lassen, also warum nicht?".  Er öffnet die Tür. Da steht ein Jacuzzi. Und auch eine Dusche. Zweifelsohne die beste Dusche in ganz Louisiana. Reznor öffnet die Glastür, dreht den Duschhahn auf, und ein Wasserstrahl ergießt sich. Der Duschkopf  hat die Größe eines Frisbees. Er hat seitliche Düsen. Eine großartige Dusche.

 Früher hat sich Reznor dafür entschuldigt, so depressiv zu sein. Es erscheint komisch, dass er sich so für Installationsarbeiten begeistern kann. Ich kann mir nicht helfen, aber ich frage mich, ob es nicht die Musik ist, durch die er so übel draufkommt - wenn das der richtige Ausdruck dafür ist. Der Pakt mit dem Teufel: Wenn Reznor wüsste, dass er nur glücklich sein könnte, wenn er die Musik für immer aufgibt, würde er es tun?

 "Ich war noch nie glücklich", sagt er, "deshalb weiß ich es nicht."

 Interview: William Ferguson

© Alternative Press/Cleveland, USA

Übersetzung: Anja Strecker, Thomas Sonder

Photographien: Marina Chavez

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